Die Abenteuer der roten Jaquot - Catley Di Anshare

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Die Abenteuer der roten Jaquot

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Die Abenteuer der roten Jaquot‏


die Legende von Santa Romana


Catley Di Ansharé

In Santa Romana, einem kleinen Fischerdorf, läutete der Glockenturm die Mittagszeit ein. Die Sonne brannte herunter und man hörte in der Ferne Möwen lachen. An diesem Tag war in dem sonst so ruhigen Dorf besonders viel los. Man hörte hier und da Gemunkel, dass seit vielen Jahren in Santa Romana wieder einmal ein großes Schiff anlegen soll. Ein Schiff, das einen großen Mast hatte. Und ein großes Segel. Heute Abend würde ein Kapitän kommen und sich seine Mannschaft aussuchen. Das erzählte man sich schon seit einigen Wochen.
In die Kaschemme „Zum alten Kahn" unten am Meer trauten sich heute nur die Mutigsten. Der Barmann war nervös. Seine Gäste wendeten die Seiten der Karten, die schon vergilbt und brüchig waren. Viele schauten immer wieder über ihren Rand. Als ein außergewöhnlich gekleideter Mann die Kneipe betrat, reckten alle ihre Köpfe und einige von Ihnen sprangen von ihren Stühlen auf. Man erkannte im Nu wer er war und was er wollte. Er hatte einen weiteren Mann bei sich, der ihm auf Schritt und Tritt folgte. Beide rochen nach Salz und dem rauen Meer. Der große dunkelhaarige Mann hatte einen großen dreieckigen Hut auf, sein Begleiter hatte wilde Locken, die in alle Richtungen abstanden.
„Das ist er!" flüsterte ein Mann aus der Kaschemme.
„Aber ist er nicht einbisschen zu jung?", fragte ein Anderer leise.
„Jung sein, das ist etwas Schönes." Die Männer erschraken, denn sie hatten nicht bemerkt, wie schnell er bei ihnen war.
„Ich sehe jung aus, doch die Kerben in meinem Hut sprechen eine andere Sprache!". Die Männer waren verblüfft, dass er ein so gutes Gehör hatte und duckten sich beschämt. Sie hatten großen Respekt vor ihm. Der blutjunge Kapitän musterte die Männer, die sich in einer Reihe aufgestellt hatten.
„Ihr wollt also ein Mitglied meiner Mannschaft sein!" rief er mit seiner harschen Stimme, so dass es alle Anwesenden hören konnten.
„Mein Name ist Kapitän Kamaru. Ich komme aus dem fernen Osten. Ich erwarte von meiner Besatzung, dass sie bereit ist, mir überall hin zu folgen. Selbst, wenn es Legenden nicht gutheißen würden".
Einige schluckten. Sie wussten, auf was er hinaus wollte. In Santa Romana gab es nämlich eine Legende, die vor fünfzehn Jahren das erste Mal erzählt wurde. Damals war ein großes Segelschiff aus dem Hafen ausgelaufen und es war mit großen Schätzen des Landes beladen, die man bei Ausgrabungen gefunden hatte. Als Ziel hatte es einen großen Hafen, doch es wurde nie wieder gesehen. Viele Seeleute, die aus dem Dorf stammten, waren an Bord gegangen und seitdem nie wieder aufgetaucht. Die Legende besagte, dass jeder, der aus Romana stammte und wieder an Bord eines großen Segelschiffes ging, nie mehr zurückkehrte. Die Leute bekamen eine Gänsehaut, wenn sie daran dachten und einige traten aus der Reihe zurück. Sie hatten zu große Angst vor den Folgen der Legende. Die hohen Stiefel des Kapitäns polterten durch den Raum. Seine schrägen Augen musterten diejenigen, die noch geblieben waren. Jedem, den er auswählte, klopfte er auf die Schulter. Doch er war sehr wählerisch und die Reihe der aufgestellten Männer wurde kleiner. Er schaute auf ihre Hände, ob sie rau genug waren, ein Seil zu halten. Auf ihre Kleidung, damit der Dreck ihnen nichts ausmachte. Und schließlich in ihr Gesicht, um ihre Entschlossenheit zu erkennen. Er suchte Leute, die Erfahrung hatten und sich nicht zu gut für die Arbeit auf einem Schiff waren. Er wusste, dass es viel zu tun gab und dass seine Route durchs Meer sehr gefährlich war. Die Karte in seiner Hand drückte er immer mehr zusammen, denn wirklich geeignete Männer gab es wenige. Aus seinen Augenwinkeln sah er, dass sich neugierige Menschen draußen an den verdreckten Fensterscheiben drängten, um hinein schauen zu können. Kamaru schritt weiter und kam zu einem Schmächtigen, dessen Bluse am Körper schlabberte. Seine langen blonden Haare hingen hinunter und der Kopf war gesenkt. Er schritt weiter, denn mochte Leute, die ihm entschlossen ins Gesicht schauten. Der Schmächtige stampfte mit dem Fuß auf, als er bemerkte, dass er nicht ausgewählt wurde und verließ die Kaschemme. Kamaru hatte es eilig und er beachtete ihn nicht weiter. Der Kapitän hatte bald eine Mannschaft zusammengestellt und stellte ihnen seinen ersten Mann vor. Der ebenfalls junge Mann mit der unglaublichen Frisur hieß Lock und machte seinem Namen alle Ehre. Seine braunen Haare standen in alle Richtungen ab. Er war zuständig für den Mastkorb auf dem Schiff, denn für seinen Weitblick war er berüchtigt. Locke begrüßte die Neuen mit einem Handschlag und begleitete sie gemeinsam zu dem überwältig großen Segelschiff. Der Dreimaster schaukelte auf den Wellen, die gegen die Hafenmauer barsten. Es war mit zehn Seilen befestigt und eine große Anzahl von Kisten und Fässern waren auf dem Pier gestapelt. Den Männern blieb der Mund offen stehen, als sie an dem Schiff empor schauten und bescherten Kamaru ein schiefes Lächeln. Kidd, Locke, Woody und Roger erhielten von Kamaru den ersten Befehl und bald schleppten sie Kisten und Kästen die Anlegebrücke des Schiffes hinauf. Der starke Van schleppte gleichzeitig zwei Fässer und der schlaue Billy Bonett kratzte sich am Bart, setzte sich sein Monokel in das linke Auge, schnappte sich eine Feder und übernahm die Kontrolle des Lagerraumes, der sich schon bald mit Proviant füllte. Sully und Figro schrubbten das Deck und polierten die Reling. Sie waren überrascht, wie gut das Schiff in Schuss war und salutierten nach wenigen Stunden vor dem Kapitän, um weitere Anweisungen zu bekommen. Kamaru schaute sich um und ließ seinen Blick über das Schiff schweifen. Sully hatte noch eine Idee. Er ließ sich schnell am Schiffsbug hinab, Figro sicherte seine Seile. Er wischte über den Namenszug des Schiffes, damit er in vollem Glanze von allen Schaulustigen, die sich am Hafen versammelt hatten, gelesen werden konnte. Die Aufschrift der „roten Jaquot" wurde bejubelt. Als alle Arbeiten verrichtet waren, lösten Roger und Woody die Taue und Kamaru übernahm das Steuer. Da hielt ihm plötzlich jemand einen Kompass entgegen und er freute sich darüber, wie gut er seine Mannschaft ausgesucht hatte, da sie alle sehr aufmerksam war. Er schaute dem kleinen Schiffsjungen in die grünen Augen und er schreckte zurück. Kamaru war sich sicher, dass er ihn in der Kaschemme nicht ausgewählt hatte und zog ihm schnell den Hut ab. Blonde Haare fielen ihm entgegen und ein Mädchen schaute ihm direkt ins Gesicht. Kamaru musste laut über ihren Ausdruck lachen. Die Männer mussten akzeptieren, dass nun auch ein Mädchen an Bord war, denn zum Umkehren war es schon längst zu spät. Kamaru drückte ihr einen Reissack in die Hände und gab ihr einen Klaps auf die Schulter: Nun war sie auch ein Mitglied der roten Jaquot Bande und sie lächelte, doch sie wusste auch aus welchem Grund sie an Bord gegangen war. Aber erst einmal würde Averi ihr Geheimnis für sich behalten. Nach ein paar Tagen auf See begannen die Ersten zu fragen, wohin die Reise gehen solle. Doch Kapitän Kamaru wollte es ihnen noch nicht verraten. Er wollte die Mannschaft erst besser kennen lernen und einen günstigen Zeitpunkt abwarten. Doch plötzlich tauchten in der Ferne ebenso große Schiffe auf, wie es die rote Jaquot war und sie fuhren geradewegs auf sie zu. Die Mannschaft an Bord wurde unruhig, denn sie wussten nicht, was diese Schiffe von ihnen wollten. Kamaru umfasste und rieb das Lederarmband an seinem Handgelenk. Es war ein ganz besonderes Armband, denn es zauberte kleine Dinge, die in einer Notsituation von großem Nutzen waren. Schließlich hob er seinen schwarzen Hut vom Kopf. Er gab Locke ein Zeichen und reichte ihm etwas, dass er aus seinem Hut hervorholte. Locke kletterte flink den Hauptmast des Schiffes hinauf und stieg darauf in seinen Ausguck. Er fuhrwerkte an etwas herum, bis sie schließlich von einem Windstoß erfasst wurde. Eine Piratenflagge. Der Totenkopf prangte über dem gesamten Segel. Wegen ihrer Größe war sie deutlich zu erkennen und auf den anderen Schiffen bereiteten sich die Männer auf ein Gefecht vor. Locke grinste, doch die anderen Männer schauten verdutzt zu Kamaru hinauf, der lässig mit einem Bein auf dem Schiffsgeländer stand und mit einem Fernrohr die gegnerischen Schiffe verfolgte. Sein blauer Mantel flatterte unruhig im Wind.
Van schien sich auf ein wenig Unruhe zu freuen und schob ein Pulverfass vor sich her. Billy schaute eher ängstlich drein und Woody schob seine Augenklappe zurecht. Er sah eigentlich wie ein echter Pirat aus, doch bisher hatte er sich nur mit dem Angeln von Fischen begnügt. Sully und Figro gingen die Holzstufen hinauf, um den Kapitän zur Rede zu stellen. Doch Kamaru wollte nicht nur mit ihnen reden, sondern er wollte, dass es die ganze Mannschaft erfuhr.

Die Holzdielen des Decks knarrten laut unter seinen Stiefeln. Eigentlich war jetzt nicht die richtige Zeit für Erklärungen. Die Anspannung stieg, denn die anderen Schiffe kamen immer näher und bereiteten sich auf eine Enterung der roten Jaquot vor. Doch Kamaru behielt die Ruhe. Die anderen schluckten. Averi erwischte sich dabei, wie sie ihre Daumen drückte. Zu groß war ihre Neugier, ob der Kapitän auch etwas mit der Legende zu tun hatte. Kamaru setzte wieder seinen Hut ab. Das war ein kleines Ritual, dass er immer machte, sobald es etwas gab, das sehr wichtig war. Sein Haar fiel ihm strähnenweise auf die Schultern, manche hatte er mit bunten Holzkugeln zu kleinen Zöpfen geflochten. Averi staunte. Vielleicht hatte er eine Freundin, die in einem Hafen auf seine Rückkehr wartete oder einfach nur einen guten Barbier. Sie grinste und Kamaru schaute irritiert zu ihr hinüber. Sie verkniff es sich schnell wieder und versuchte, ernst zu wirken. Sie strich sich ihr blondes Haar aus dem Gesicht, stellte sich ordentlich hin, verschränkte die Arme hinter dem Rücken, wie es auch alle anderen taten.
„Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ihr endlich erfahrt, wohin unsere Reise auf der roten Jaquot gehen soll." Er räusperte sich und strich sein weißes Rüschenhemd glatt. Dann nestelte er an einem Goldring herum, den er am Finger trug.
„Männer- ja und auch Frauen", begann er wieder, „wir brechen in die Weltmeere auf. Wir werden sie überqueren und der Legende von Santa Romana folgen."
Er rieb sich das Kinn. Einige bekamen ihren Mund nicht mehr zu. Andere stießen ihren Nachbarn in die Rippen, Averi hüpfte nur leicht in die Luft, damit keiner ihre heitere Stimmung bemerkte.
„Aber wir wissen doch gar nicht, welche Route wir nehmen müssen!" rief Roger vom unteren Deck zu Kamaru hinauf.
„Die Route steht auf meiner Karte", sagte er ganz selbstsicher.
„Kapitän, du hast eine Karte, nach der das Schiff von damals gefahren ist?", schrie Averi fast panisch.
„Keine Sorge, wir sind ihnen auf der Spur." Averi konnte ihr Glück nicht fassen. Sie würde am liebsten ihre Freunde in die Welt hinaus schreien. Doch was sie nicht wusste war, dass Kamaru sie schon die ganze Zeit über beobachtete. Er kam häufig an ihr vorbei, aber nicht um ihre Arbeit auf dem Schiff zu kontrollieren. Er hatte etwas an ihr bemerkt. Die Männer schwätzten und tauschten sich über Kamarus Plan, die Legende mit einer Karte zu überprüfen, aus. Niemand konnte sich vorstellen, dass sie echt war und dass sie nun auf dem gleichen Seeweg fuhren, wie das Schiff vor fünfzehn Jahren. Kamaru schritt umher. Er wusste, dass er seine Mannschaft damit überrumpelt hatte, doch nur Leute aus Romana würden wirklich Interesse an diesem Abenteuer haben, denn nur sie wollten auch wissen, ob die Legende recht behielt. Außerdem konnte jetzt keiner mehr zurück, dafür hatten sie den Hafen von Romana schon zu lange hinter sich gelassen. Kamaru kramte in seiner Hosentasche herum. Averi wunderte sich, denn er trug eine charakteristische Freibeuterhose. Seine Taschen mussten groß sein, um sie mit ordentlich viel Gold und Schmuck füllen zu können, falls denn der besagte Schatz plötzlich wieder auftauchte. Und tatsächlich, sein ganzer Arm verschwand in der Hosentasche! Averi musste schon wieder lachen und auch Van, der sonst immer sehr ernst war, konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Plötzlich hielt Kamaru inne. Er hatte das gefunden, was er gesucht hatte und zog es dann mit einem Ruck heraus. Eine Karte. Eine zusammengerollte Karte. Altes gelbes Pergament, zusammengerollt auf einem verzierten dunkelbraunen Stab. Averi erkannte sofort, um welche Karte es sich hier handelte. Es war die sagenumwobene Karte der Romana Legende. Sie erkannte die Einkerbungen und die Verzierungen sofort, denn sie hatte sie schon einmal bei ihrem Vater gesehen, als er diese monatelang
gezeichnet hatte. Ihr kamen Tränen in die Augen. Die anderen Männer staunten nicht schlecht. Wenn es das war, wofür sie es hielten, konnte keiner sein Glück mehr fassen. Selbst der sonst so kühne Billy griff nach dem Monokel in seiner Brusttasche. Das konnte doch nicht wahr sein! Fünfzehn Jahre lang hatte man weder von dem Segelschiff gehört, noch gesehen. Keiner hatte angeblich überlebt, das große Schiff vermutete man auf dem Grund des Meeres. Die Mannschaft hatte man damals zuerst für verschollen erklärt, Jahre später für tot. Es war ein großer Schock für die Leute in Santa Romana gewesen und die Dorfälteste hatte gleich damit begonnen in tiefen Nächten, die Schutzpatronin der Meere zu befragen. Sie hatte Karten gelegt und versucht an Hand von Erinnerungsstücken der Vermissten herauszufinden, wo sie sich befanden. Sei es denn über oder unter dem Meeresspiegel. Danach war von einer Legende die Rede, die allen Bewohnern Santa Romanas verbot, jemals wieder ein großes Handels- oder Segelschiff zu betreten, das mehr als einen Mast führte. Viele hatten damals Familienmitglieder oder Freunde verloren. Auch das Vieh an Bord waren geliebte Haustiere und sollten die Menschen begleiten. Auch Averis kleiner Hund Moki war damals ein Schiffsmitglied geworden, um ihren Vater auf der langen Reise zu begleiten. Sie vermisste beide sehr, obwohl sie damals erst drei Jahre alt war, als sie ihnen zum Abschied zugewunken hatte. Ihre Mutter hatte ihr immer viel über die Beiden erzählt und manchmal saßen sie sogar nachts zusammen und schauten auf das schwarze Meer hinaus. Nur der Leuchtturm von Romana erhellte die See für ein paar Sekunden. Ihre Mutter hoffte immer noch, dass er ihrem Mann eines Tages den Weg nach Hause zeigen konnte.

Kamaru hielt die Karte in seiner rechten Hand und rollte sie mit einem gekonnten Schwung aus. Sie war so lang, dass sie eine Weile brauchte, bis sie am Boden angekommen war. Die Mannschaft staunte nicht schlecht, als sie ihr volles Ausmaß sahen. Auf ihr waren Küsten ganzer Kontinente eingezeichnet. Gefährliche Buchten und Strömungen waren mit roten Kreisen gekennzeichnet. Gute Anlegestellen hatte man darauf mit blauen Dreiecken versehen. Doch worüber sich die Crew wunderte, waren die schwarzen Köpfe, die sich zu Hauf auf der Karte befanden. Sully schaute hinauf zur Piratenflagge, die eifrig im auffrischenden Wind wehte. Jetzt konnte sie niemand mehr übersehen. Und als sein Blick eine ganze Weile auf sie gerichtet war, schauten nach und nach auch die anderen Mitglieder zu ihr hinauf. Nun verstanden auch sie. Die Karte war übersät mit Totenköpfen. Hier waren Piraten unterwegs,
und zwar fast überall. Einige hielten sich die Hände vor den Mund, um nicht irgendwelche Laute auszustoßen. Doch nun waren sie einer von ihnen. Eigentlich mussten sie sich nur vor denen fürchten, die auch freibeuterisch gegenüber ihren Mitstreitern waren. Und vor denen, die immer näher kamen: die Marine. Das große Zeichen eines Seeadlers auf ihren Schiffen war deutlich zu erkennen. Kamaru musste nichts mehr sagen, alle machten sich an die Arbeit, die rote Jaquot aus der Gefahrenzone zu manövrieren. Locke kletterte den Mast hinauf, Van rollte weitere Pulverfässer aus dem Lagerraum. Billy schnappte sich einen Plan des Schiffes, um Anweisungen zu geben. Kidd und Woody schwangen sich mit Seilen hinauf zu den Querstangen der Masten, um eine Eroberung zu verhindern. Kamaru schob aus seiner Koje eine riesige Truhe und klappte sie auf. Jedem gab er daraus einen Säbel oder ein Schwert. Nur bei Averi zögerte er etwas, bis sie schließlich selber danach griff. Sie trug nun ein echtes Piratenschwert. War ganz schön schwer. Seine Klinge glänzte im Sonnenschein, es hätte ein Haar durchtrennen können. Das würde sie aber nur im allergrößten Notfall benutzen und steckte es an ihren Gürtel, sodass sie es jeder Zeit zücken konnte. Kamaru steckte sich noch einen Revolver und einen Haken ein. Dann war die große Kiste leer. Sein Schwert war besonders schön. Ob es eine Sonderanfertigung war?
„Habe ich in einer Schlacht erhalten". Obwohl erhalten eigentlich nicht das richtige Wort war. Er zwinkerte Averi zu und sie guckte ihn mit fragenden Augen an.
„Nichts für Mädchen!" sagte er im Anschluss. Sie streckte ihm die Zunge heraus, drehte sich um und ging zur vordersten Reling des Schiffes, um einen besseren Ausblick zu bekommen. Die feindlichen Schiffe kamen schnell näher, sie nutzten ihren Rückenwind sehr gut aus.
„Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich mal gegen die Marine kämpfen muss!" brummte Roger und rückte sein rotes Halstuch zurecht.
Van lachte darüber und rollte eine Kanone auf das Hauptdeck. Keiner von ihnen hatte jemals eine Kanone bedient und einige rieben sich die Bärte. Figro versuchte die Zündschnur zu finden, da reichte ihm Kamaru eine aus seiner Hosentasche.
"Ich möchte nicht wissen, was du da alles mit dir herumträgst", sagte Sully mit einem hämischen Grinsen auf dem Gesicht. Kamaru musste lachen.
"Könnt ihr euch da unten einbischen beeilen?", fauchte Averi von oben.
"Sonst sind wir gleich Kanonenfutter und die Legende behält recht!"
Kamaru winkte ab.
"Frauen haben es immer so eilig" und er lachte wieder.
Das hatte Averi gehört und sie wünschte sich, dass der erste Schuss der Marine in seine Richtung ging und er sich ducken musste. Sie überlegte, was ihre Mutter ihr immer erzählt hatte. Vom Zeichnen der Karten und von der besten Windrichtung, die ein großes Schiff haben musste. Das hatte ihr Vater immer erzählt, als sie noch klein war. Wie war das noch gleich? Kompass in die Hand nehmen und nach oben halten. Die Nadel des Kompasses, der noch am Steuer lag, fing an zu rotieren und dann hielt sie den Finger in die Luft. Sully, der das Steuer übernommen hatte, guckte ihr begeistert über die Schulter.
„Wo hast du das gelernt?" fragte er erstaunt.
„Mein Vater ist auch zur See gefahren", sagte sie stolz und hielt sich die Hand über die Stirn, um die Schiffe der Marine zu beobachten. Das letzte große Segel der Jaquot wurde gehisst und Averi war voller Eifer. Sie hatte eine tolle Idee, die bevorstehende Schlacht zu verhindern. Sie wusste, dass jedem auf dem Schiff ein Kampf mit der Marine unangenehm war. Und sie wusste, dass die Marine nicht anhielt, bevor das Piratenschiff nicht versenkt war. Als ein starker Ostwind aufkam rannte Averi los und schubste Sully vom Steuer des Schiffes weg. Sie legte all ihre Kraft in die Wucht ihrer rechten Hand und drehte das Steuer bis zum Anschlag in die andere Richtung. Sully griff sich an die Stirn und hoffte, dass sie wusste, was sie da tat. Kamaru, der gerade seine Lieblingsposition mit einem Stiefel auf der Reling stehend, einnahm, fiel beinahe hin. Die Fässer rumpelten über das Schiff und die Männer hatten alle Mühe sich noch rechtzeitig festzuhalten. Auch die Kanone rollte unaufhaltsam der hinteren Reling entgegen. Als das Schiff den Kurs mit einem heftigen Schlenker geändert hatte und den kräftigen Rückenwind genoss, machte sich die Mannschaft daran, alles wieder an seinen Platz zu stellen. Kamaru gefiel der plötzliche Kurswechsel gar nicht. Die Marine feuerte die ersten Kanonenkugeln ab, als sie sahen, dass das Piratenschiff ihnen davon fuhr. Die Kugeln landeten vor dem Schiff im Wasser und schlugen große Wellen. Das Wasser spritzte und es rauchte.
„Ist das Schiff getroffen?" rief Kamaru besorgt nach unten.
„Alles in Ordnung, Kapitän!" antwortete Van vom Heck aus. Er hatte die Kanone wieder eingefangen und sich auch noch ein Fass unter den Arm geklemmt.
„Sie erreichen uns jetzt nicht mehr!" jubelte Locke von oben und die Männer klatschten vor Freude, vor allem aber vor Erleichterung, in die Hände. Die Marine legte noch einmal nach, doch die rote Jaquot war viel zu schnell für sie und erreichte einen Vorsprung, den sie nicht mehr einholen konnten. Als sie einige Zeit dem Sonnenuntergang entgegen gesegelt waren, schritt der Kapitän zu Averi hinüber und klopfte ihr anerkennend auf die Schulter. Sie schaute ihn an. Er erkannte Mut in ihren Augen.
„Von nun an", verkündete er, „wird Averi das Steuer übernehmen. Ich denke, sie hat von allen die größte Erfahrung im manövrieren!", lachte er zu den anderen hinunter. Die Männer hatten natürlich nichts dagegen und waren ihr dankbar, dass sie ihre scharfen Schwerter nicht benutzen mussten. Einige hatten sich Kopftücher umgebunden, da die Sonne bis in die späten Stunden stark war. Die Kelle im Wassertrog war der meist gebrauchte Gegenstand der ganzen Fahrt gewesen. Als wieder Ruhe einkehrte und die Segel eingeholt wurden, breitete Kamaru die Karte auf einem langen Holztisch in einer Kabine aus. Alle standen um ihn herum, direkt neben ihm stand Averi. Sie berührte das Pergament leicht und fühlte sich ihrem Vater näher, als sie es die letzten Jahre über war. Der Kapitän werkelte mit eigenartigen Werkzeugen, die noch niemand zuvor gesehen hatte, an der Karte herum. Er zog Linien, er malte Kreuze und Kreise. Dann erklärte er den anderen, an welchen Linien die Jaquot fahren sollte und wo sie den Kurs wechseln sollte. Averi schaute sich die Karte kurz an, dann nahm sie eines der Werkzeuge und erzeugte weitere Linien. Kamarus Augenbrauen schnellten nach oben, bis er verstand, was sie vorhatte.
„Keine schlechte Idee!" sagte er wieder anerkennend. Er musste sich eingestehen, dass er einen großen Fehler gemacht hatte, als er sie in der Kaschemme damals nicht selber ausgewählt hatte. Averi ging zurück zum Steuer und drehte es einige Male, bis es wieder leicht den Kurs wechselte. In der Nacht fuhren sie hauptsächlich nach Kompass. Eines Abends trat Kamaru neben sie und setzte ihr seinen großen Piratenhut auf den Kopf. Averi war glücklich darüber, dass sie der Mannschaft so gut helfen konnte.
„Dein Vater ist einer aus der Legende, habe ich recht?" fing er an. Averi lächelte, sagte aber nichts. Sie wusste, dass sie es nicht länger verheimlichen konnte.
„Ich habe ihn mal getroffen. In einer Hafenstadt. Dreihundert Meilen von hier."
Averi schaute ihn überrascht an. So etwas Tolles hatte sie sich nicht erhofft, als sie heimlich auf das Schiff geklettert war.
„Er hat mir die Karte gegeben. Ich glaube, er wusste, dass jemand hinter ihnen her war." Kamaru strich ihr über den Rücken, als ihr einige Tränen über die Wangen liefen.
Als sie einige Wochen unterwegs waren, hatten sie viele gefährliche Meerengen gemeistert und die Hälfte der Route hinter sich gebracht. Die Mannschaft hatte sich gut eingelebt und auch die Vorräte schienen gar nicht weniger zu werden, oder war nur das Schiff so groß gewesen? Alle hofften, irgendwann mehr Hinweise auf den Verbleib des Handelsschiffes zu bekommen. Als sie an einer großen Insel vorbeifuhren, beschloss Kamaru an Land zu gehen, um sich umzuschauen. In einem Ruderboot fuhren alle gemeinsam an Land. Als sich einer der Gruppe umschaute, bemerkte er, dass Locke verschwunden war.
„Macht euch keine Sorgen, Locke erkundet auch ganz gerne mal alleine." sagte Kamaru. Seltsam diese Piraten, dachte Averi. Nach einem anstrengenden Marsch durch Schilf und hohes Gebüsch kamen sie an eine Lagune, der sich in der Mitte der Insel befand. Einige hörten seltsame Geräusche und ließen ihre Hände in der Nähe ihres Gürtels, an denen sie die Schwerter befestigt hatten. Überall raschelte es, Vögel machten gruselige Laute. Das Wasser der Lagune sah so aus, als wäre es schwarz. Aber Kamaru blieb ganz ruhig, denn er war daran gewöhnt, auch auf unbekannten Inseln die Ruhe zu bewahren. Das übertrug sich natürlich auf die Anderen. Die Mannschaft machte es sich um ein Lagerfeuer bequem, Averi pflückte Beeren. Roger schob Nachtwache mit einer Fackel in der Hand. Kamaru schlief auf seinem königsblauen Mantel. Zum ersten Mal sah man ihn ohne ihn. Am nächsten Morgen wurden sie von lauten Rufen aufgeweckt. Es war Locke, der auf der Suche nach den Anderen war.
„Unser Schiff!" rief Locke aufgeregt.
„Sie haben es besetzt!" er war ganz außer Atem. Langsam reagierten auch Sully, Woody und Kidd und zogen ihre Stiefel an. Van war barfuss gelaufen und Billy schob sich sein Monokel zurecht. Kamaru beruhigte ihn.
„Die Marine? Oder von wem redest du? Wer hat unser Schiff besetzt?"
„Piraten, und zwar ganz schön viele! Sie lassen sich unsere Vorräte schmecken!" rief Locke immer noch aufgeregt. Kamaru überlegte. Figro rieb sich die Schläfen und Sully musste herzhaft gähnen. Für einen Kampf waren sie noch nicht wirklich bereit.
„Wir hätten die Köpfe auf der Karte beachten sollen!" überlegte Van laut.
„Aber die sind doch fast überall auf der Karte" meinte Billy.
„Da hat er recht!" äußerte sich Woody und hob die restlichen Decken auf. Averi überlegte und sie wunderte sich.
„Kapitän, ich habe keine Totenköpfe für diese Insel auf der Karte gesehen!"
„Bist du sicher? Ich hatte gestern noch einen Blick darauf geworfen" sagte Billy.
Averi kramte in Kamarus Sachen herum, wobei er sich über ihren Eifer wunderte.
„Ich bin mir ganz sicher, hier schaut selber nach!" sagte sie, als sie die Karte gefunden hatte. Ein paar Männer griffen gleichzeitig nach der Karte, doch sie konnten ihren Augen nicht trauen, denn Averi behielt recht. Kamaru überlegte und griff dann selber nach der Karte. Er ging einen Schritt nach vorne und hielt sie in die Sonne. Und da konnte es jeder sehen, der Piratenkopf war verschwunden.
„Wie kann das sein? Es ist doch die gleiche Karte wie gestern!" rief Billy verwundert.
Kamaru fing an laut zu lachen, sodass es bis zur Lagune schallte. Sie wunderten sich, warum er das lustig fand. Auch Averi hatte keinen Rat für dieses Phänomen.
„Es ist eine Schatzkarte, doch keiner würde seinen Schatz einfach auf einer Karte einzeichnen. Sie reagiert auf Feuchtigkeit. Und genau das haben wir hier."
„Das würde ja heißen, wir hätten das Geheimnis der Karte nie erfahren, wenn wir nicht auf diese Insel gegangen wären?" bemerkte Billy. Jetzt mussten die anderen auch lachen. Niemand hätte erwartet, dass diese alte Karte so etwas konnte. Alle waren sich einig, dass diese Insel etwas mit der Legende zu tun hatte oder dass es hier zumindest ein Zeichen auf den Verbleib der Verschollenen gab. Sie machten sich auf, um an den Strand zurückzukehren. Es waren tatsächlich Männer auf ihrem Schiff und aßen ihre Lagerbestände auf. Kamaru zückte sein Fernrohr und überließ es dann Billy, der auch unbedingt sein Urteil abgeben wollte.
„Es sind doppelt so viele wie wir, alle in schwarz gekleidet. Es könnten Piraten sein, aber sie sehen nicht wirklich danach aus." Billy rieb sich das Kinn.
„Ich schlage vor, wir machen uns auf einen Kampf bereit!" rief Van.
„Männer, zieht eure Waffen!" befahl Kamaru „Frauen auch!" fügte er noch schnell hinzu. Averi kniff die Augen zu. Sie ruderten zurück zum Schiff. Woody hielt Seile und Leinen bereit, um das Schiff zu entern, denn die lange Strickleiter hatten die Unbekannten hinaufgezogen. Locke war der Erste, der das Deck von hinten erreicht hatte. Danach folgten ihm Kamaru, Van, Billy und Roger. Sully und Figro halfen Averi, die große Angst vor der gewaltigen Höhe hatte. Schnell hatten sie sich aufgestellt und das muntere Essgelage umstellt. Kamaru rief zum Angriff und die Klingen ihrer Waffen schnellten aus ihren Gürteln. Averi stand hinten. Keiner wollte, dass sie verletzt wurde. Die Kämpfe waren hart, die Fremden hatten Erfahrung. Doch keiner war davon überzeugt, dass die Anderen auch Piraten waren.
„Haltet inne!" befahl Kamaru plötzlich. Er betrachtete seine Gegner kritisch und untersuchte ihre Kleidung auf ihre Herkunft. Bei einem Mann blitzte ein Amulett unter seinem dünnen Hemd hervor und Kamaru riss ihm die Kette vom Hals. Er gab es Billy. Roger warf auch einen Blick darauf und gab es schließlich Sully. Der sah Averi an und ging mit ihr zum Steuer. Er hielt das Stück neben den Kompass, den Averi mit auf das Schiff genommen hatte und verglich die Zeichen, die auf ihnen eingeritzt waren. Averi erkannte es sofort. Da begriff Kamaru augenblicklich, wer diese Männer waren. Diese guckten die Piraten ausdruckslos an. Sie waren dünn und gebräunt von der Sonne. Keiner sagte etwas.
„Wie seid ihr auf diese Insel gekommen? Woher stammt ihr?" Kamaru machte es kurz und knapp, so wie man ihn kannte. Als die Leute nicht antworteten, gab er ein Handzeichen und seine Mannschaft steckte die Schwerter und Säbel zurück in ihre Gürtelhalterungen. Dann trat von hinten ein älterer Mann hervor. Er verbeugte sich leicht, denn durch Kamarus Geste hatte er die angespannte Situation entschärft. Seine traurigen Augen guckten aus einem über und über mit Bart bewachsenes Gesicht hervor. Seine Haltung war gebeugt, seine Haare hingen zottelig herunter.
„Wir kommen von weit her, doch nach uns sucht keiner mehr. Wir sind vor dieser Insel von Piraten überfallen worden. Wir hatten eine wichtige Ladung dabei und wir hatten es nicht mehr weit bis zu unserem Ziel." Da erkannte Averi den Mann, der vor ihnen stand und fiel ihm um den Hals. Es war ihr Vater, den sie fünfzehn Jahre nicht gesehen hatte und alle freuten sich mit.
„Die Schatzkarte habt ihr gut gemacht!" Kamaru hielt sie in seiner Hand.
„Ihr habt es herausgefunden?" fragte Averis Vater überrascht.
„Durch Zufall!" lachte Sully.
„Aber ich dachte, euer Schiff wurde von Piraten überfallen? Also gibt es keinen Schatz mehr" sagte Van etwas traurig.
„Unseren Schatz gibt es nicht mehr, aber wir haben einen anderen gefunden. Er befindet sich in der schwarzen Lagune. Wir überlassen ihn euch, denn ihr habt uns gerettet und uns einen Schatz beschert, der mit keinem Gold der Welt zu bezahlen wäre." Er schaute seine Tochter an und dann seine Männer.
Die Mannschaft klatschte in die Hände und Kamaru bescherte er ein breites Lächeln.
Averi hatte ihren ganz persönlichen Schatz gefunden und war überglücklich. Kamaru zwinkerte ihr zu.
„Manchmal sollte man Legenden nicht zu viel Glauben schenken!" sagte er und machte sich mit seinen Männern auf, den Schatz zu bergen.

 
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