Alsuna Edelsonne - Catley Di Anshare

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Alsuna Edelsonne

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Alsuna Edelsonne


Catley Di Ansharé



Zwischen hohen Gebirgen und tiefen Klüften befanden sich im alten Germanischen Reich Täler, die sich am Fuße einer langen Bergkette entlang schlängelten. Diese Täler lagen die Hälfte des Tages in Nebel eingehüllt. Da sie dunkel, feucht und geheimnisvoll waren, nannte man sie die Täler der Unglücklichen. Die Sonne war eine Fremde, der Mond war ein stetiger Begleiter. Und so soll es Reiter gegeben haben, die diese Täler passierten und nie wieder gesehen wurden. Aus eigener Kraft hatte es bisher noch niemand wieder hinaus geschafft. Und so kam es, dass auch kein Dorfbewohner jemals hinaus gelang. Ihre Kinder hüteten sie wie ihren Augapfel, die Alten saßen vergessen in morschen quietschenden Stühlen. Das Dorfleben war eintönig und grau. Farben und Formen wurden einheitlich gehalten. Der Rauch der vielen Feuerstellen züngelte sich in die kalten Lüfte empor, die Fackeln an den Hauswänden loderten Tag und Nacht.
Auch Ihsental gehörte dazu. Doch es unterschied sich in einer Sache von den anderen Dörfern, denn es lag am Ende der Bergkette und befand sich vor einer großen Flachebene mit Wiesen und Feldern. Es wurde von einigen Menschen bewohnt, dessen Herzen und Gemüter noch gut waren. Manche erfreuten sich sogar an Blumen oder den Gaben ihrer Felder.
So taten es auch Salgard und ihre Tochter Alsuna. Der Vater war schon lange in den Krieg gezogen und hatte die Geburt seiner Tochter nie erfahren. Alsuna war inzwischen zu einem klugen und wissbegierigen Mädchen herangewachsen und wurde bald fünfzehn Winter alt. Im Dorf missachtete man sie, denn sie hatte rote Haare. Auch in der Dorfschule hatte man sie deshalb nicht aufgenommen, doch ihre Mutter machte sich wenig Sorgen. Sie wusste, dass ihre Tochter klüger als alle anderen Kinder im Dorf war und sie eine besondere Aura umgab. Alsuna lachte immer, wenn ihre Mutter das sagte, denn sie sah sich selber als ganz normales Mädchen, dass nur Haare in den Farben eines wärmenden Feuers hatte. Ab und zu spielte sie an der Feuerstelle und es gelang es ihr sogar, Feuerkugeln in ihren Händen zu halten. Aber das hatte sie noch keinem erzählt, denn so etwas würde ihr keiner glauben. Das Spiel mit dem Feuer hatte sie sich von den Jungs im Dorf abgeschaut, die sie manchmal aus einem Versteck beobachtete. Die Glut hatte es ihr besonders angetan, denn man konnte sich an ihr wärmen, wenn man die Hände ganz dicht darüber hielt. Alle Kinder mieden sie und wichen zurück, wenn Alsuna den Markt besuchte. Dann hörte sie aus allen Ecken Geflüster und manche Leute zischten sogar „Feuermädchen". Aber Alsuna war nie traurig darüber gewesen. Sie wusste, dass ihre Mutter und ihr Vater sie liebten. Vor den dunklen und mysteriösen Gestalten, die durch das Dorf kamen, hielt sie sich allerdings fern. Meist waren sie verhüllt und man konnte ihnen nicht in die Augen sehen. Das machte ihr Angst.
Als Alsuna eines Abends von einem Ausflug in die Berge zurückkam, sah sie in der Ferne große Rauchwolken aufsteigen. Die gepflückten Blumen fielen ihr nach und nach aus der Hand, als sie spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie nahm eine Abkürzung durch ein Waldstück, das hinter dem Haus ihrer Mutter endete. Als sie aus dem Wald heraustrat, waren ihre Kleider dreckig und zerrissen, ihre Füße blutig vom harten Boden. Auf ihren Armen hatte sie lange dünne Kratzer. Und da sah sie die Katastrophe vor ihren Augen und in ihrem vollen Ausmaß. Krieger und Soldaten waren gekommen und hatten das Dorf angegriffen. Wahrscheinlich war Ihsental nur eines von vielen, denn die Rauchschwaden erstreckten sich über das gesamte Tal. Die Eindringlinge nahmen sich, was sie kriegen konnten. Sie schlugen die Schwachen, sie jagten das Vieh davon, sie steckten Häuser in Brand und sie hetzten junge Mädchen und Frauen vor ihren starken Pferden her. Man zog an ihren Haaren und ihren Kleidern, man zückte Schwerter gegen die Armen. Alsuna schossen die Tränen in die Augen und sie blieb wie angewurzelt stehen. Doch dann dachte sie an ihre Mutter und sah, dass auch ihr Haus langsam in das Flammenmeer geriet. Alsuna rannte los, um ihre Mutter zu suchen, obgleich sie sich damit in große Gefahr brachte. Immer noch ritten Männer in schwarzen Gewändern herum, um auch den Rest der Dorfbewohner in den Hades zu schicken. Sie bahnte sich einen Weg durch Verwüstung und Zerstörung und fand ihre Mutter unter einem Holzbalken liegend. Die Farben des Infernos färbten sich dunkelrot, lange schwarze Schatten und der dichte Rauch machten die Sicht schwer. Das Kleid ihrer Mutter war in der Farbe ihres Herzblutes getränkt und Alsuna schrie durch die aufwallenden Flammen, doch ihre Stimme wurde von dem Rumoren der einstürzenden Häuser übertönt. Bald darauf wurde ihre Mutter unter den zusammenbrechenden Balken begraben und Alsuna blieb gefährlich nah an den unersättlichen Flammen stehen. Sie wollte ihre Mutter begleiten, sie nicht alleine zum Hades gehen lassen. Sie spürte die Wärme, die Hitze, den heißen Brodem und wie eine Fieberglut in ihr aufstieg. Insgeheim wusste sie, dass das Feuer schon immer ihr Freund gewesen war, sie hatte sich auch noch nie verbrannt. Ein Windstoß fachte das Feuer des Hauses erneut an und züngelte sich an ihrem grünen Kleid empor. Alsunas Augen waren geschlossen und sie versuchte sich zu konzentrieren. Sie wollte keinen Schmerz spüren. Sie streckte ihre Hände aus, um sich ihrer Mutter anzuschließen. Die Hitze stieg in ihren Körper, das Kleidchen brannte lichterloh. Plötzlich spürte sie etwas auf ihrer Schulter. Sie schlug die Augen auf und bemerkte, dass sie in Flammen stand. Sie fühlte sich aber sicher und geborgen. So musste der Weg des Hades aussehen, dachte sie. Doch der Druck auf ihrer Schulter hörte nicht auf. Durch einen Ruck fiel sie zu Boden und ein schwerer Mantel bedeckte ihren Körper und erstickte das Feuer. Ein starker Mann kniete sich neben sie und hielt ihren Körper fest, damit auch die letzte Flamme erlosch. Sie roch den Ruß und musste husten. Als der Mann losließ, konnte sie in seine Augen blicken. Grüne, glänzende Augen blickten ihr besorgt entgegen. Alsuna konnte sich noch nicht bewegen und verfolgte, was der Mann, der anscheinend auch ein Soldat war, tat. Er wickelte sie zunächst in sein Gewand, das er auszog, um ihren Leib zu verhüllen. Sein weißes Rüschenhemd war staubig und hatte Flecken. Er setzte sie auf und sprach ihr Worte ins Ohr, die sie nicht verstehen konnte. Er kam aus einer anderen Welt, das wusste sie jetzt schon. Seine Sprache war fremd und auch die Art, wie er sie behandelte. Er musste von weit herkommen. Er schaute in den Himmel und drückte Alsunas Hand auf sein Herz. Dann trug er sie in den Wald und lehnte er sie an einen Baum. Dumpfe Männerstimmen schreckten ihn auf. Er behielt Augenkontakt zu ihr, bis er sich umdrehte, um die Zügel seines Pferdes zu packen und davon zu reiten.
Alsuna lauschte eine Weile den gedämpften Lauten der Pferdehufen, bis sie nicht mehr zu hören waren und es wurde still im Wald. Man hörte keine Menschen mehr rufen, alles schien vorüber zu sein. Sie schmiegte sich an den warmen Umhang, der ihr das Gefühl von Geborgenheit gab. Die Nacht brach herein, friedfertig zirpten einige Insekten in der Ferne. Blitzartig schreckte sie jedoch aus ihrem Halbschlaf auf. Etwas rumpelte ganz in ihrer Nähe. Auf einmal klappten mehrere Deckel aus dem Waldboden auf und es stiegen dutzende Dorfbewohner aus ihren Verstecken in Erdlöchern empor. Alsuna konnte ihren Augen nicht glauben. Von diesen Verstecken hatte sie nichts gewusst. Sie konnte immer noch nicht sprechen und lag inzwischen wie gelähmt auf dem nasskalten Waldboden. In der Hektik der Menschen stolperten einige über sie, ohne sie zu bemerken. Alle liefen hastig zum Dorf. Bis sich auf einmal jemand sich über sie beugte. Es war Fehild, eine rüstige ältere Frau des Dorfes. Bei jedem Streit mischte sie sich ein und urteilte hart über andere Dorfbewohner. Wer es mit ihr zu tun bekam, der hatte bald keine Freunde mehr. Alsuna fühlte sich schnell unwohl, als sie mit ihrem Gesicht immer näher kam und dann anfing laut zu lachen. Einige blieben stehen und einige achteten nicht auf sie, denn sie hatten zu großen Respekt vor ihr und wollten jede Begegnung mit ihr vermeiden. Ihre langen brauen Zöpfe wirbelten umher. „Feuerkind" und „kleine Hexe" musste sich Alsuna anhören, als immer mehr Dorfbewohner neugierig wurden und nach ihr schauten. Einer hatte sogar eine große Heugabel dabei und stocherte damit neben Alsuna herum. Er wollte sie zum Aufstehen bewegen und schob sie so lange hin und her, bis sie aus Angst genug Kraft gesammelt hatte, um von alleine aufzustehen. Als sie vollständig wieder auf die Beine gekommen war, hingen ihre langen roten Haare über dem Umhang, der ihr bis zu den Füßen reichte. Ihre hellgrünen Augen schauten aufgeweckt den Dorfbewohnern entgegen. Das machte Fehild noch wütender und sie stachelte die Anderen dazu an, sie mit Beschimpfungen zu überhäufen. Eine Frau rief, dass alles Alsunas Schuld sei und ein anderer Mann fiel damit ein, dass sie das Dorf verflucht haben soll. Deswegen seinen bestimmt auch die Soldaten gekommen, rief ein anderer Mann, der hinten stand. Die umstehenden Leute schauten ihn an, als habe er etwas Sensationelles gesagt. Die Situation spitzte sich zu und Fehild trieb die heikle Stimmung weiter an. Die Leute kamen in Rage. Raserei und Zorn über den Angriff auf ihr Dorf beherrschte ihr Gemüt. Sie drängten auf Alsuna zu und sie waren zu allem bereit. Doch sie blieb ruhig, denn sie wusste, dass sie im Unrecht waren. Sie wussten sich nicht anders zu helfen, dachte Alsuna, denn sie waren traurig und ihre Seelen schrieen vor Schmerz. Sie schloss ihre Augen, um sich zu konzentrieren und plötzlich hörte sie die Leute schreien und ächzen. Ein Raunen ging durch die Reihen der Dorfbewohner. Besonders Fehilds schrille Stimme hob sich vom Rest der Schaulustigen ab, als sie sah, wozu Alsuna fähig war. Ihre roten Haare wehten heftig im aufkommenden Wind. An ihren Fingerspitzen zuckten kleine Flammen und man hörte unheimliches Flüstern und Stimmen, die aus dem tiefen Wald kamen. Sie öffnete die Augen. Sie begannen zu glühen und ließen ein großes Feuer aufflammen. Es sah so aus, als würde Alsuna in mitten eines Kreises aus brennend heißen Feuerringen stehen.
Aber die Hitze irritierte Alsuna nicht, sie war selbstsicher und stellte sich den aufgebrachten Menschen entgegen. Einige hielten schützend ihre Arme vor das Gesicht, andere erhoben Stöcke. Doch keine Schramme wurde ihnen zugefügt und sie staunten, dass Alsuna das Feuer bezwingen konnte und es sie nicht verletzte. Fehild schwor darauf, dass sie das Kind des Teufels wäre und nun würde sie ihr wahres Gesicht zeigen, das sie die ganzen Jahre über versteckt hatte. Doch diesmal reagierte keiner auf Fehilds Anstiftungen und die Menschenmenge drängte sie von ihrem Platz.
„Vielleicht kann sie uns helfen!", rief ein kleiner Junge vorlaut in die Menge. Seine Mutter rügte ihn, indem sie ihn schüttelte. Doch der Junge blieb unbeeindruckt davon und starrte Alsuna weiter an. Es war einer der Jungen, den sie manchmal heimlich beobachtet hatte und sie freute sich, dass es noch jemanden gab, der an sie glaubte. Die Menschen um sie herum sahen verzweifelt aus. Sie waren ohne jeden Funken Hoffnung nach dem großen Unglück, das ihrem Dorf widerfahren war, zurückgeblieben. Alles was sie besaßen, war dem Feuer zum Opfer gefallen. Viele die sie geliebt und gekannt hatten, würden sie nie wieder in die Arme schließen können. Alsuna ging in sich, doch ihre Augen blieben geöffnet. Sie fühlte den Kummer der Menschen und empfand Barmherzigkeit für sie. Als hätte es ihr eine überirdische Macht eingeflüstert, so sagte Alsuna: „ Ich werde fortziehen um Sühne zu tun und ich werde mit guten Neuigkeiten zurückkehren". Die Menschen staunten und stutzten, keiner sagte mehr ein Wort gegen sie. Die Feuerkreisel wurden größer, die sengende Hitze verbrannte das Unterholz in ihrer Umgebung. Alsuna stand mitten darin und ihr gesamter Körper und ihr Umhang färbten sich in tiefes Rot. Die Menschen bekamen Angst, sie flüchteten vor den knallenden Funken. In einem waren sich alle überlebenden Dorfbewohner sicher- nur Alsuna aus dem Ihsental konnte den Flammen Einhalt gebieten und auch nur sie konnte ihnen helfen, das Unglück, das über ihr Dorf hereingefallen war, zu überwinden. Als alle Menschen fort gelaufen waren, zogen sich Alsunas Pupillen wieder zusammen, ihre Augen hörten auf zu leuchten, ihr Leib stand nicht mehr in Flammen und die Stimmen in ihren Kopf verebbten langsam. Ihre baren Füße standen wieder fest auf dem Boden, der lange Mantel hing schlaff an ihrem Körper herunter. Alsuna sank vor Erschöpfung zusammen. Sie streichelte mit ihrer Hand über den warmen dampfenden Waldboden. Sie fühlte das Moos, das noch ein wenig nass vom Abendtau war. Es wurde wieder still um sie herum. Die Leute waren fortgezogen, die Tiere entlaufen und der Wald erholte sich langsam vom Tag. Zum Glück hatte sie einen wärmenden Mantel, der ihr zerrissenes Kleid bedeckte. Nun fühlte sie auch stechende Schmerzen, die ihre Schrammen an Füßen und Armen verursachten. Ihr Körper war übersät damit. Schnell tastete sie sich am Boden entlang, um ein paar Kräuter zur Heilung zu finden. Sie drückte sie etwas zusammen, damit sie den Saft auf ihren Wunden verteilen konnte. Sie ging noch ein paar Schritte, denn sie wollte sich auf den Weg in die vor ihr liegende Welt machen. Bis sie an eine Lichtung mit unzählig vielen kleinen Moosblumen kam, die ihr als Kopfkissen dienten. Vor Erschöpfung schlief sie auch bald ein.
Am frühen Morgen wurde sie vom Rufen der Vögel geweckt. Sie streifte sich den Mantel ab, um die wenigen Sonnenstrahlen, die es durch die hohen Bäume schafften, zu empfangen. Da klimperte etwas in der Manteltasche und sie wurde neugierig. Sie erwartete aber keine Goldmünzen. Ihr wäre es viel lieber gewesen, etwas Persönliches von ihrem Retter zu finden, denn so konnte sie ihn vielleicht wieder sehen. Und tatsächlich fand sie eine goldene Kette, an der ein Amulett hing. Alsuna wunderte sich, denn so ein Zeichen hatte sie noch nie gesehen. Es war unglaublich schön und ebenmäßig, der Schmied dieses Kunststückes hatte wirklich mit seinem Herzblut daran gearbeitet. Es passte gut zu ihrem Retter. Sein Amulett wirkte, wie auch er, als käme es von einer anderen Welt. Sie streifte mehrmals darüber, um das fragile Stück und seine feinsten Schliffe zu spüren. Sie fuhr das Zeichen nach, bis sie es in ihre Hand legte. Flugs erstrahlte es in den tollkühnsten Farben. Wie ein Regenbogen erhellte sie die Lichtung, auf der sie noch immer saß. Das gleißende Licht erfüllte sie sowohl mit Wärme, als auch mit Optimismus. Es zeigte ihr für einen kurzen Moment den Weg, den sie noch vor sich hatte, bevor es zu seiner alten Farbe zurückkehrte.
Alsuna war nun erfüllt von Neuem und Großartigem. Sie wusste jetzt, was ihr Schicksal für sie bereit hielt, denn sie würde auf eine neue und unbekannte Welt treffen. Sie würde alles versuchen, um ihrem Dorf zu helfen, in dem sie so viele Jahre gelebt hatte. Das Leid des letzten Tages, das sie gezeichnet hatte, entrückte ihrem Gesicht und zog in die unendlichen Weiten des tiefen Ihsental Waldes. Ihre Füße begannen zu laufen. Endlich konnte sich ihr Herz von dem Dorf losreißen, dem Ort, an dem sie alles verlor und doch auch viel gewonnen hatte. Das Lachen ihrer Mutter, das Knistern des Feuers, das Rauschen des Baches, alles nahm sie in ihrem Herzen mit auf ihre lange Reise. Es fühlte sich an, als würde sie über die Erde schweben. Nach einem unermüdlichen Marsch durch die Wälder hatte sie schon einige Landesgrenzen überschritten. Sie wusste nicht mehr, wie viele Tage sie schon unterwegs war. Doch sie spürte, dass sie ihrem Ziel immer näher kam, mit jedem Schritt, den sie tat. Es war schon später Nachmittag, als Alsuna an einen See gelang. Von hier aus hatte sie einen wundervollen Ausblick auf die Lichtungen, die sich um den See herum befanden. Rehe ästen ungestört auf den Wiesen und man konnte Bieber bei ihrem Nestbau beobachten. Diese Tiere fühlten sich durch ihre Anwesenheit nicht gestört, wahrscheinlich waren sie auch noch nie einem Menschen begegnet. Plötzlich erweckte etwas anderes am anderen Ende des Ufers ihre Aufmerksamkeit. Es war groß und schwarz und sein Fell glänzte in der Sonne. Alsuna wollte es unbedingt aus der Nähe betrachten, sie fühlte sich zu diesem Tier hingezogen. Vor ihr tat sich ein prachtvoller Rappe auf. Seine Mähne hing lockig an seinem Hals herunter, die Statur war muskulös, seine Beine feingliedrig. Sie streckte ihre Hand aus und er beschnupperte sie. Doch als er den Geruch ihres Mantels wahrnahm, nahm sie eine Veränderung in seinem Ausdruck wahr. Seine Augen glänzten, sein Blick war energisch und seine Nüstern erweiterten sich. In seinen Augen las sie Zutrauen und auch Alsuna wollte ihm ihr Vertrauen schenken. Und so stieg sie vorsichtig auf seinen Rücken und sie ritten in einem schnellen Galopp durch den Wald und dem Sonnenuntergang entgegen. „Ich werde dich Odin taufen!", lachte sie und war ganz außer Atem. „Odin , der Rasende!"
Als die Nacht über ihnen hereinbrach, hörte sie nur das stetige Trampeln der Hufe und das Schnauben des Pferdes. Alles war dunkel um sie herum geworden, hin und wieder schien der Vollmond zwischen den Wolken hervor. Doch dann färbte sich der Wald in viele kleine rote Lichtkugeln, die sich kreiselnd auf Alsuna zu bewegten und bald neben ihr her flogen. Sie begleiteten sie ein Stück, bis Odin schließlich anhielt und Alsuna von ihm herunter rutschte. Die kleinen Lichtkugeln sammelten sich und ergaben einen großen Lichtball, in dem ein paar winzige Wesen auftauchten. Ihre kleinen Flügel summten und ihre kleinen Köpfe wackelten vor Freude. „Wir sind deine Feuerelfen", sagte die eine und flog noch näher an Alsuna heran. Alsuna lächelte zur Begrüßung und streckte ihre Hände aus, damit sie darauf landen konnten. Die Andere klammerte sich an ihren Daumen und rieb ihre winzigen Bäckchen daran. „Der Puder des Amuletts ist für uns, wie der Saft des Lebens. Er schenkt uns neue Energie, um dich beschützen zu können." Die Kleine lächelte. Ihre Stimme hatte Alsuna tief berührt und ihr liefen Tränen über die Wangen. Die Dritte fing eine ihrer Tränen auf und warf sie in die Luft. Aus ihr entstand ein Feuerwerk, das den dunklen Wald erhellte. Es sprühte Glitzerfunken und Feuerwirbel. Odin trat aufgeregt auf der Stelle, doch Alsunas Blick beruhigte ihn wieder. Eine der Elfen flog um ihren Kopf herum, streichelte ihre zerzausten Haare und berührte sie schließlich an der Stirn. Ein molligwarmes Licht umhüllte ihren geschundenen Körper. Ihre unglaubliche Kraft ließ Alsunas Kleid in neuem Glanz erstrahlen. Das Hellgrün, das sie so sehr liebte, kehrte in die Stofffasern zurück. Sie schaute an sich hinunter und war außer sich vor Freude. Alles an ihr glänzte und glitzerte, endlich konnte man auch von außen sehen, wie sehr sie vor neuem Lebensmut nur so strotzte. Auch Odin wieherte anerkennend und schüttelte seine Mähne. Alsunas Schrammen waren versiegelt, ihre Haut wurde samtig weich und ihre Haare glänzten mit dem Mondlicht um die Wette. Sie genoss diesen Augenblick und füllte ihren Körper mit neuer Energie. Voller Tatendrang wollte Alsuna auch schon wieder aufbrechen, doch eine der Feen schwirrte zu ihr und hielt sie mit ihren winzigen Armen fest. Alsuna bemerkte den kleinen Windhauch ihrer Flügel und lächelte ihr zu. „Einen Moment noch, liebe Edelsonne. Wir möchten dir etwas mit auf deinen langen Weg geben." Die Kleine schwirrte davon und bildete mit den anderen Feen einen Kreis. Zusammen erzeugten sie einen Wirbelwind, aus dem ein zweites Amulett empor stieg. Sie legten es Alsuna um den Hals und versiegelten den Verschluss mit dem Zauber, der aus ihren zierlichen Körpern floss. Alsuna konnte ihren Augen nicht trauen, nun war sie auch Besitzerin eines solch wunderbaren Anhängers. Dieser reagierte auf ihren Körper, sobald er ihre Haut berührte. Eine gleißend rote Lichtquelle trat aus ihm hervor. Die kleinen Geschöpfe flogen um ihren Kopf herum, als sie wieder auf Odins Rücken saß. Sie bedankte sie herzlich bei Ihnen und streichelte jeder über das kleine Köpfchen. Mit jedem Schritt wurde Odin schneller und schneller, und bald flogen sie zusammen über den Erdboden. Das rote Licht erhellte ihnen den dunklen Weg.
Nach etlichen Stunden und Tagen ohne große Pausen, kamen sie endlich aus dem Wald heraus. Odins Geschwindigkeit verlangsamte sich und er blieb stehen. Irritiert scharrte er mit dem Vorderhuf auf dem Boden herum und Alsunas Blick ging in die Ferne, die nichts Gutes prophezeite. Der Boden dampfte, es stiegen Rauchschwaden herauf. Er war von Stöcken, Schwertern und zerbrochenen Rüstungen übersät. Hier hatte vor Kurzem eine Schlacht stattgefunden. Alsuna musste schlucken. Sie ließ ihren Blick schweifen und schreckte vom Geschrei der Raben auf. Auch Odin wurde wieder unruhig. Sie gab ihm ein Zeichen und vorsichtig gingen sie durch die Trümmer, die zurückgeblieben waren. Als sein Blick wieder den Horizont suchte, ritten sie in vollem Tempo weiter, so gut Odins Beine ihren leichten Körper noch tragen konnten. Bald darauf kamen Streitwagen und ein marschierendes Heer in Sichtweite und Alsuna war sich nicht sicher, wie nah sie an sie heran geraten sollte. Natürlich konnte sie die Heerschar in Windes Eile überholen, aber Odin hatte etwas Anderes im Sinn. Ohne ihn ablenken zu können, steuerte er mit Alsuna auf dem Rücken direkt auf die vorderste Front zu. Die Soldaten drehten sich um. Sie waren auf alles gefasst, doch auf ein rothaariges Mädchen, das in einem grünen Kleid an ihnen vorbei ritt, das hatte keiner erwartet. Plötzlich schrieen sie dem Pferd hinterher. Alsuna konnte sie nicht verstehen, denn der Wind sauste ihr um die Ohren. Doch sie sah, dass sich die Mienen der vom Kampf gezeichneten Männer erhellten. Man sah ihre weißen Zähne, die sich von ihren verdreckten Gesichtern abzeichneten und ihre Münder, die sie zu einem Lächeln verzogen. Sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, doch es war gut. Ein Lächeln war immer ein gutes Zeichen. Schließlich ging Odin in den Trab über und sein Schweif hob sich etwas. Stolz marschierte er neben einer Gruppe von Soldaten mit, die ihrer Kleidung nach, einen höheren Rang einnahmen. „Schwarzer!", rief ein Mann. „Er ist mit ihr zurückgekehrt!". Die Männer, die auch auf Pferden saßen, drehten sich der Reihe nach um. Und einer freute sich besonders. Er saß ganz vorne auf einem braunen Pferd und pfiff zweimal, um Odins Aufmerksamkeit zu bekommen. Odin gehorchte sofort und reihte sich bei ihnen in der vordersten Reihe ein. Der Mann streckte seine Hand aus und streichelte kräftig seinen Hals, dann schaute er zu Alsuna hinauf. Odin war das größte Pferd von allen und Alsuna senkte ihren Blick, um ihm in die Augen zu schauen. Und sie erkannte ihn sofort. „Du hast mein Pferd gefunden und es hat dich zu uns gebracht." Sein Blick wurde weicher. Alsuna wusste nicht, was sie sagen sollte, doch sie ließ ihr Herz sprechen. „Sie haben mich gerettet. Mein Leben und mein Tun gehören für immer Ihnen. Nun bin ich hier, um ihr Leben zu retten." Der Mann schaute sie an, dann fiel sein Blick auf das Amulett, dass sie am Hals trug. Er streckte die Hand danach aus und betrachtete es lange. „Du bist die letzte Feuerkriegerin. Man wird dich jagen, wenn du dich zeigst." Sein Blick löste sich wieder. „Und warum jagt ihr mich dann nicht?" „Ich bin der letzte Feuerkrieger und Kommandant dieses Heeres. Mein Name ist Baldur" Alsuna verstand nun. Deshalb hatte er das gleiche Amulett wie sie. Und deshalb hatte er sie aus der Flammenhölle retten können. „Ich bin hier, um mein Tal zu verteidigen und den Menschen wieder Hoffnung zu geben, die überlebt haben." Er schaute zu ihr auf. „Dann begleite uns in die letzte und schwerste Schlacht, die uns bevorsteht. Deine Feinde sind auch unsere Feinde." Zusammen kämpften sie Seite an Seite, um diejenigen zu besiegen, die das Volk der Feuerkrieger vernichtet hatten. Alsuna half den Soldaten, die unter Baldurs Befehl standen. Sie setzte ihre Fähigkeiten ein, die sich durch das Amulett noch verstärkt hatten. Ihre Flammenzungen entrissen Schwerter und schützten die Guten. Ihre Glutenringe verbrannten Beile und ließen Schilde schmelzen. Ihre Feuerfunken versetzten die Gegner in Angst und Schrecken. Stolz kämpfte sie an Baldurs Seite, bis die letzte Schlacht gewonnen war.
Der König des Landes schaute begeistert zu Alsuna hinüber, als die Armee in der großen Stadt über den Marktplatz ritt. Während der Feier zu Ehren der tapferen Soldaten schritt er zu Alsuna, nahm ihren zierlichen Kopf in beide Hände und küsste sie auf die Stirn. „Alsuna Edelsonne, mein furchtloses Kind. Dich hat der Himmel geschickt." „Wir werden dir helfen, dein Dorf wieder aufzubauen, als Zeichen unserer Dankbarkeit."
Ein paar Wochen waren vergangen und Alsuna kehrte mit Baldur und seiner Gefolgschaft nach Ihsental zurück, um es wieder aufzubauen. Als Alsuna ihm dort sein Amulett zurückgab, lächelte Baldur. Er nahm ihre Hand und sagte:„Dieser gewonnene Krieg ist mein ganz persönlicher Sieg. Nur so konnte ich die letzte Feuerkriegerin finden, die es auf dieser Welt noch gibt." Eine leichte Brise wehte durch Alsunas rote Haare. Sie lächelte zufrieden zurück. Da bahnten sich Sonnenstrahlen durch die tiefen Nebel von Ihsental und erhellten den Tag, den man dort schon lange nicht mehr bemerkt hatte.

 
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