Ambrosius, Dispute eines Gewissens - Catley Di Anshare

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Ambrosius, Dispute eines Gewissens

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Ambrosius, Dispute eines Gewissens


Catley Di Ansharé


Sollte er alles, wofür er die letzten zwanzig Jahre trainiert und woran er geglaubt hatte, hinter sich lassen und blind einem Befehl folgen? Es war der Befehl seines Machthabers, der wiederum dem König des Landes folgte. Aber sollte er in sein Verderben rennen und so viele wie möglich von seinen Leuten das gleiche Schicksal erfahren lassen? Die meisten seiner Männer waren verheiratet und ihre Frauen warteten zu Hause sehnsüchtig mit ihren Kindern auf ihre Rückkehr. Konnte er die Last tragen, ihnen in die Augen sehen zu müssen und ihnen zu sagen, dass sie allesamt gefallen waren?
Dazu wurde er nicht geboren und dazu hatte er all die Jahre mit ihnen nicht die ganzen Siege errungen. Es war schlicht und einfach gesagt falsch. Diesmal würde er nicht Folge leisten und diesmal würde er nicht einen Befehl geben, den er später sogar mit seinem Leben bezahlen könnte. Er entschied sich nach vielen Überlegungen ein Verräter zu werden. Er verabscheute Überläufer oder welche, die es versuchten. Dafür war nichts besser, als die Todesstrafe durch Hängen am Galgen. Er überlegte, ob er alleine das Ruder herumreißen könne, um die Last alleine auf sich zu nehmen. Dann würde er zu einem Märtyrer werden. Er lachte. Solche Menschen hatte er immer belächelt, denn sie hatten meistens wenig Nutzen für die Allgemeinheit und waren schnell vergessen. Er könnte dann ganz ruhig am Galgen hängen und seine Augen schließen, ohne neben sich jemanden hängen zu haben, den er kannte. Doch ohne seine Männer hatte er keinen Schutz im Rücken und würde wohlmöglich nicht sehr weit kommen. Ihm blieb keine Wahl. Er musste seinem einst so weisen Oberbefehlshaber die Augen öffnen. Ohne ihn und seine Männer war der liebe Herr Befehlshaber machtlos, was die Siege der Schlachten anging.
Er rieb sich die Handgelenke. Sie taten nach so langer Zeit von der Feuchtigkeit des Feldes und der Unterkünfte in Wäldern weh. Sein Rücken schmerzte auch. Wie gerne würde er einmal wieder seine Eltern in seiner Heimat sehen, sie umarmen. Er hoffte, dass sie noch an seine Rückkehr glaubten. Er sah sich seine Hände an. Rau und von Narben übersät. Seine schwarzen Haare hingen strähnig über seinen Augen. Vor ein paar Tagen hatte er jemanden gebeten, ihm ein Stirnband herzustellen, damit ihm seine Haare nicht die Sicht im Kampfe verdeckten. Sein Gesicht hatte er vor zwei Wochen in einem See betrachtet. Er sah müde und erschöpft vom Kampf aus. Überall sprießen Barthaare und er juckte sich am Kinn. Die Frauen, die manchmal aus dem Nichts auftauchten oder auch der Flucht waren, schlossen sich manchmal tageweise den Kriegern an. Sie verbrachten Nächte zusammen und genossen wenige Stunden der Zuneigung. Diese Frauen hatten ihn immer besonders wegen seinem Aussehen geliebt und steuerten immer geradewegs auf ihn zu, wenn er sich ein Mahl zubereitete und setzten sich kess auf seinen Schoss. Er brachte ihnen meist nicht viel Zuneigung entgegen, denn er wusste, ein Treffen und süße Worte hielten nicht auf Dauer und bald würden sie wieder in das Nichts verschwinden, aus dem sie gekommen waren. Das war ein unaufhaltsamer Kreislauf. Als er vor Jahren in den Krieg zog, waren diese Frauen die einzige Hoffnung, auf die sich alle freuten. Doch er hatte damals schnell gemerkt, dass er den Traum von einem friedlichen Familienleben begraben könne, solange er im Krieg war und solange er Befehlen folgte, die für andere Tod und Verderben brachten. Denn er und seine Truppe waren gut, tödlich gut. Zuviel Blut klebte an seinem Schwert, um zärtlich zu sein. Zu viele Alpträume erschütterten seinen Schlaf, sodass er oft schreiend aufwachte. Aus diesem Grund bevorzugte er es auch, alleine zu schlafen. Er wollte seine Stärke und Überlegenheit nicht durch solche Kleinigkeiten vor seinen Männern in Frage stellen. Die Musik auf Festen und Feiern quälte meist seine Ohren, nur der süße Wein konnte seine Schmerzen noch betäuben. Am Anfang konnte er den übermäßigen Weingenuss seiner Mannschaft nie nachvollziehen, doch mittlerweile war Wein das einzige Mittel, um alles um ihn herum ertragen zu können. Oft war er auch betrunken in den Krieg gezogen. Das Adrenalin betäubte die Wunden und der Wein half sehr gut dabei. Vor ein paar Monaten hatte er aufgegeben zu denken, Alkohol würde nie sein Leben nicht beherrschen können. Er erwischte sich immer öfters dabei, wie seine Hände leicht zitterten und der Gedanke an einen Schluck ihn gefährliche Manöver in feindlichem Gebiet unternehmen ließ. Er wusste, dass seine Männer ihm ohne Gegenwillen überallhin folgen würden. Auch, wenn sie ihr Leben dafür geben mussten. Sie waren ihm hörig und hatten ihre Rolle der Unterwürfigkeit nie hinterfragt. Was Ambrosius tat und sagte, war richtig. Aber er glaubte sich selber nicht mehr, seine Worte wurden immer karger. Seine Ansprachen waren kurz und ohne Tiefgang. Früher hatte er sich noch notiert, was eine Kriegergruppe aufheitern konnte und was in ihnen den unbezwingbaren Mut ihrer Herzen hervorrief. Früher hatte er jedem für jede Narbe, die sie im Krieg davongetragen hatten noch auf die Schultern geklopft. Früher wusste er von jedem Einzelnen, was ihn bedrückte oder welche Schmerzen er gerade hatte. Früher hatte er selber noch die Verwundeten versorgt und hatte ihnen nachts beruhigende Heilkräuter aus dem Wald besorgt. Früher war er nie müde und früher rieb er sich nicht so oft die Gelenke. Er schaute in den Vollmond hinauf. Heute Nacht konnte er nicht mehr schlafen, zu viele Gedanken schossen in ihm durcheinander und er erlangte die Erkenntnis, dass er alt wurde. Dass er eines Tages das Schwert eines Gegners nicht mehr zurückhalten konnte und dass seine Schwertklinge entzweibrechen konnte, lag nicht mehr in allzu weiter Ferne. Seine Hand griff an seinen Gürtel, in dem sein Schwert hing. Es reflektierte das Licht des Mondes und er hatte Angst, dass ein Feind ihn dadurch bemerken könnte. Er holte sich aus seinem Lager ein langes Fell und hängte es sich über die Schultern. Es verdeckte seinen nackten Rücken und wo einst das Fell die Beine des Tieres bedeckte, waren Nieten eingearbeitet. Mit einem geflochtenen Band waren sie zu einem Verschluss verarbeitet worden, der über seiner starken Brust hing. Mit einer Hand strich er sich die Haare aus dem Gesicht und lief mit nackten Füßen über den Waldboden. Die kleinen spitzen Steine machten seinen groben Füßen schon lange nichts mehr aus. Seine Leinenhose war dreckig und roch nach Moos und Asche. Sein Lager war immer etwas abgelegener, als das seiner Männer. Sie schliefen meist tief im Wald, denn dort konnten sie sich an einem Feuer aufwärmen. Er hatte schon lange die Dunkelheit gesucht und schlief lieber in Kälte, als die Flammen auch noch nachts ertragen zu müssen. Sie erinnerten ihn immer an brennende Häuser und die Menschen, die darin verbrannt waren. Er bemerkte nicht, dass er ungewollt das Lager seiner schlafenden Krieger aufgesucht hatte und mitten unter ihnen stand. Einer schreckte plötzlich auf. Der jüngste der Gruppe, Lezus. Er hatte vergangenes Jahr einen Sohn gezeugt, den er noch nicht einmal auf dem Arm gehalten hatte. Ambrosius hatte ganz vergessen, wie wachsam sie waren.
„Haben wir den Befehl zum Aufbruch erhalten? fragte er hellwach.
„Wir warten noch auf einen Befehl", log Ambrosius. Kurz und knapp, so kannten sie ihn. Sie konnten aber nicht ahnen, dass der letzte Befehl nur noch von ihm kam. Doch er musste sich erst eine gute Strategie ausdenken. Der Krieger sagte nichts mehr und rieb sich die Augen. Seine Leute wussten auch, dass sie nicht zu viele Fragen stellen sollten. Das Feuer, um das sie herum schliefen, flackerte die ganze Nacht, um wilde Tiere fernzuhalten. „Wir brauchen neue Vorräte", sagte Simson, der die kurze Unterhaltung mitbekommen hatte. Seit der letzten Schlacht hatte er nur noch einen leichten Schlaf.
„Dann brechen wir morgen bei Sonnenuntergang auf. Die nächste Stadt liegt zwei Stunden Fußmarsch von uns entfernt." Ambrosius rieb sich die Hände.
„Jawohl!" brüllte Simson, der jetzt auch noch den Rest der Mannschaft geweckt hatte. Alle warteten nur darauf, etwas anderes tun zu können, als auf den Befehl zu warten, der sie in das nächste Gefecht führte.
In der darauffolgenden Nacht, als sein Trupp auf ihrem wöchentlichen Raubzug durch eine nahe liegende Stadt war, ertappte sich Ambrosius dabei, wie er durch ein Fenster lugte und ungewöhnlich lange davor verweilte. In dem mit roten Steinen gebauten Haus vernahm er freundliche und heitere Stimmen. Sicher saßen die Bewohner dieses Hauses gemütlich um einen Tisch herum. Ihre Worte waren frohgemut und voller Vertrauen. Er schloss die Augen. Wie lange hatte er diese Wärme nicht mehr in seinem Herzen gespürt. Verwirrt wischte er mit seinem dreckigen Arm über sein Gesicht. Er senkte seinen Blick und seine Augen fokussierten seine Hände. Wie schmutzig sie waren! Aber das hatte ihn bis heute nie gestört. Seine rechte Hand bohrte sich in den Griff seines Schwertes. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, denn seinen Griff hatte er nicht gelöst, seitdem sie losgezogen waren. Er war immer und zu jeder Zeit bereit zu kämpfen. Ihm fiel auf, wie sehr seine Hände vom Kämpfen vernarbt waren. Er löste seine Hand von seinem Schwert und streckte sie in den nächtlichen Himmel, dessen Wolken bedrohlich lila gefärbt waren. Er spannte seine Handinnenfläche und merkte dabei, dass er nicht mehr fähig war, seine Finger richtig zu spreizen. Plötzlich hörte er ein Zischen und sah Lezus, der sich leicht geduckt auf der anderen Seite des Weges befand. Er gab Ambrosius ein Zeichen, dass man sie entdeckt hatte und winkte wild in der Luft herum. Ambrosius reagierte nur schwerfällig. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass er eigentlich vor diesem Haus und in dieser Stadt gar nichts zu suchen hatte. Um Wein in den Brennereien der Leute zu stehlen, obwohl er den Geschmack eigentlich verabscheute? Um Hühner und Ferkel zu klauen, nur weil sie dachten, sie würden ihnen als Krieger zustehen? Um Menschen mit ihren vernarbten Körpern und einem Gesicht, als wären sie dem Teufel persönliches Eigentum, Todesangst einzujagen?
Nein! Er war nur ein erbärmlicher Eindringling und ein Dieb noch dazu. Plötzlich verdunkelte das Licht im Haus. Das war kein gutes Zeichen. Jemand hatte eine Fackel entzündet und würde bald vor die Tür treten. Ambrosius machte ein paar große Schritte, um davonzukommen, doch er war nicht schnell genug. Die große Holztür öffnete sich und eine Frau trat in die Nacht hinaus. Ambrosius war überrascht, um diese Uhrzeit noch eine Frau zu sehen. Sie schaute sich prüfend um, hob ihre Fackel in die Luft und entdeckte ihn schnell. Sie sah ihm in die Augen. Seine ganze Wildheit spiegelte sich in seinen Augen wider, doch sie ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie ging ihm entschlossen entgegen, leuchtete mit ihrer Fackel die Gegend aus und stellte sich vor ihn. Ambrosius sagte nichts und behielt seine Hand an seinem Schwert. Seine Leute hatten sich schnell zurückgezogen, nur noch er war in der Stadt zurückgeblieben. Das war ihr Notfallplan gewesen, wenn einer entdeckt wurde.
„Dein Antlitz auf meinem Grundstück beleidigt mein Wirken", sagte sie mit rauer Stimme. Ambrosius konnte nicht glauben, was sie gesagt hatte und seine Augenbrauen schnellten nach oben. Mutig war sie ja, aber er war wohl nicht der Erste von seiner Art gewesen sein, dem sie begegnet war. Ihr Blick war klar, sie war nicht zum Spaßen aufgelegt. Eigentlich wollte er sie beruhigen, ihr klarmachen, dass er ihr nichts tun würde. Doch ihre Worte machten ihn stutzig. Plötzlich zückte sie einen Dolch unter ihrem Lederrock hervor und ging in Angriffsstellung. Ehe sich Ambrosius versah, war sie in seine Reichweite gekommen und stand ihm verdammt nahe gegenüber. Gekonnt hantierte sie mit ihrem Dolch, Ambrosius musste sich ducken, um von ihr in Deckung zu gehen. Dann ergriff er ihre Hand und drehte sie auf ihren Rücken. Sein Griff war fest und vor Schrecken stieß sie einen Laut aus. Seine Hand verdeckte fast ihr gesamtes Gesicht, als er ihr den Mund zuhielt. Seinen Arm hatte er ihr um den Hals gelegt, doch sie war geschickt und versuchte, sich zu wenden und zu drehen. Seiner puren Kraft war sie jedoch ausgeliefert, denn er ließ kein Stück locker. Als sie aufhörte sich zu wehren, ließ er sie wieder los und mit einem Ruck hatte sie sich aus seinem Griff befreit. Mit weit geöffneten Augen stand sie ihm gegenüber, sie hatte seine wilde Stärke zu spüren bekommen und war ihm, trotz ihrer Kampferfahrungen, völlig ausgeliefert gewesen. Seine Stellung als Krieger musste sehr hoch sein und sie war sich sicher, dass er jeden töten könnte, der sich ihm in den Weg stellte. Er hatte ihr tatsächlich Respekt eingeflößt. Sie guckte ihn an, bis er schließlich etwas sagte.
„Du hast Recht. Wir sind Krieger. Und wir sind in den Augen vieler Menschen nichts wert. Wir führen die Befehle unseres Königs aus. Wir haben keinen eigenen Willen, wir machen das, was uns befohlen wird." Er wartete ihre Reaktion ab, doch sie sagte eine Weile lang nichts.
„Man kennt mich als Zurahme, die Freiheitskämpferin", sagte sie dann. Ambrosius nickte. Nun wusste er, dass sie nicht auf derselben Seite standen und dass er kein Entgegenkommen von ihr erwarten konnte.
„Meine Mitstreiter und ich kämpfen auf der Seite der Bevölkerung, der Bauern und der Armen. Wir geben ihnen eine Stimme." Da er sich nicht bewegte, nahm sie an, dass er sich dafür interessierte. Einbisschen Angst hatte sie trotzdem noch vor ihm. Er kam nicht umhin, ihr zu antworten.
„Meine Männer und ich haben mit deinen edlen Taten nichts zu tun. Man kennt mich unter dem Namen Ambrosius, der Unsterbliche. Wir sind wie Tiere. Wir nehmen uns, was wir brauchen, ohne darüber nachzudenken, was wir damit anrichten. Wir leben für den Krieg und die Schlachtfelder sind unser zu Hause. Wir sind Hasardeure, wir setzen alles auf ein Spiel". Sie nickte auch. Sie wusste, dass diese Art von Menschen kein Gewissen hatte, aber bei ihm sagte ihr Gefühl etwas Anderes. Sie ließ ihn fortziehen, ohne ihn dingfest zu machen. Ein Rufen von ihr hätte genügt, um ihn festnehmen zu lassen und seine Gaunereien aufzudecken. Ambrosius fühlte sich nicht gut, als er zu seiner Mannschaft zurückkehrte, die ihn schon vor den großen Toren der Stadt erwartete. Sein Gewissen nagte schon genug an ihm und Zurahme hatte ihn noch mehr zum Nachdenken gebracht. Sie stand für die Ziele ein, mit denen er in den Krieg gezogen war. Die Armen zu beschützen und das Land gegen Eindringlinge zu verteidigen. Und was war aus ihm geworden? Ein Krieger, der sich von den Worten einer Frau beeindrucken ließ? Er spuckte auf den Boden, da pfiff einer seiner Männer durch die Zähne. Odarius schaute Ambrosius fragend an, der dann aber nur noch abwinkte und zum Aufbruch drängte. Reden war keine gute Idee, wenn er sich so fühlte, als wäre sein ganzes Leben umsonst gewesen. Auch in der Nacht ließ ihn sein Gewissen kein Auge zu tun und er entschied sich dazu, am nächsten Abend im Schutze der Nacht, nochmals in die Stadt aufzubrechen. Doch diesmal würde er alleine gehen. Es gab für niemanden in seiner Truppe einen Grund, diesen Weg nochmals zurückzulegen. Außer ihm.
Am nächsten Tag beauftragte der oberste Feldherr einen Eilboten, der der Kriegertruppe neue Informationen mitteilen sollte. Er hatte auch einen Kleidermacher dabei, der Ambrosius und seine Männer neu einkleiden sollte. Das Stirnband, das Ambrosius so dringend wegen seinen langen Haaren brauchte, hatte er auch im Gepäck. Es gab ihm eine ganz andere Sichtweise, sein Blickfeld war wieder offen und er fühlte sich damit wie ein anderer Mensch. Aber er war immer noch ein Krieger, der Befehle zu befolgen hatte. Als der Bote mit ihm ein Gespräch unter vier Augen forderte, wussten seine Kameraden Bescheid: Ein neuer Auftrag, bei dem sie wieder ihre Schwerter und Beile benutzen mussten. Sie nahmen es hin wie immer, gelassen und völlig unbeeindruckt von dem, was ihnen bevorstand. Simsons Miene verdunkelte sich etwas, die letzte Schlacht hatte er immer noch nicht verarbeitet. Die Männer bereiteten sich auf die bevorstehende Schlacht vor, indem sie ihre Lederkleidung pflegten, ihre Schwerter schärften und ihre Ausrüstung prüften. Sie waren immer sehr still dabei und bereiteten sich auch innerlich darauf vor, Leben zu nehmen oder Körperteile abzuschlagen. Das Blut, das danach an ihrer Kleidung und an ihren Händen klebte, hatte sie schon lange nicht mehr gestört. Die Leichen, die danach übrig blieben und auf den Feldern lagen, erregten bei ihnen schon lange keinen Ekel mehr. Sie waren zu den Barbaren geworden, von denen viele Legenden erzählten. Als Ambrosius wiederkam und der Bote die Heimreise antrat, nickte er seinen Männern zu. Es würde eine neue Schlacht geben. Doch er hatte selber ganz andere Pläne. Den Weg zurück in die Stadt legte er ungewöhnlich schnell zurück. Seine Beine waren nicht mehr müde und seinen Gliedern war der Schmerz der letzten Wochen entflogen. Er schlich sich geschickt in die düsteren Gassen mit der Absicht, entdeckt zu werden. Wenn Zurahme die war, die sie vorgab zu sein, dann würde seine Anwesenheit nicht unentdeckt bleiben. Bald erschienen am anderen Ende des Weges zwei dunkle Gestalten. Sie trugen Kapuzen und Ambrosius wusste sofort, dass sie den Freiheitskämpfern der Stadt angehörten. Er folgte ihnen in einem großen Abstand, denn er wusste, dass die Menschen in der Stadt aufmerksam waren und jeden Fremden melden würden. Nach einer Weile standen sie gemeinsam vor einer großen alten Pforte. Ambrosius Hand griff automatisch nach dem Griff seines Schwertes, als zwei große Frauen das Tor öffneten. Als er freien Blick auf den dahinter liegenden Hof hatte, erspähte er auch schon Zurahme, die auf ihn zu warten schien. Sie stand in einer langen grünen Robe inmitten einer Gruppe junger Männer und Frauen, die ausnahmslos bewaffnet waren. Viele trugen Gewänder, sie ließen sie edel wirken. Doch er wusste, dass sie auch Kämpfer waren, genau wie er. Und bald fühlte er sich nicht mehr unbehaglich und trat zu ihr in den Hof hinein. Sie fragte ihn nicht viel. Sie wusste genau, warum er gekommen war, denn sie hatte sich immer auf ihr Gefühl verlassen können. Die anderen Mitglieder trauten Ambrosius nicht über den Weg und hielten einen großen Abstand zu ihm. Doch sie vertrauten ihrer Anführerin. Als er seinen Arm hob, um sich die Schläfen zu reiben, wichen die jungen Männer, die um sie herumstanden, respektvoll zurück. So viel Strategie hatte er in seinen fünfzehn Jahren als Krieger noch nie angewandt und er hatte Mühe, ihren Plänen zu folgen. Wie würden wohl seine Männer darauf reagieren? Doch Ambrosius war sich sicher, dass sie ihm bis zum Tode treu ergeben waren. Zurahme sprach voller Tatendrang und hoffte auf seine Unterstützung und auf seine Erfahrung. Er rieb sich mehrmals die Hände an seinem schwarzen Lendenschurz ab. Die ganze Anspannung ihrer Gruppe ließ ihn nicht kalt, denn sie legten all ihre Hoffnungen in seine dreckigen Hände. Er hatte wie immer nicht viel zu sagen, doch seine Körperhaltung sprach Bände, die Zurahme nur zu gerne entschlüsselte. Ambrosius fällte in diesem Augenblick die Entscheidung, von nun an nicht mehr der zu sein, zu dem man ihn und seine Männer gemacht hatte: Zu willenlosen Maschinen, die funktionieren mussten. Die Narben in seinem Gesicht und an seinem Körper waren genug. Die seelischen Schmerzen hatten ihn in den letzten Tagen fast das Gehirn zermartert. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem er wieder eine eigene Meinung hatte und sein Bauchgefühl zurückkam. Es sagte ihm, dass es auch noch einen anderen Weg gab, auf den er abbiegen konnte und dass er das Richtige tat. Er strich sich mehrmals über seine dunklen Bartstoppeln am Kinn. Zurahme schaute ihn erwartungsvoll an. Tatendrang und pure Energie schauten aus seinen Augen. Er würde noch einmal zu Hochtouren auflaufen und alles geben. Er und sie berieten sich eine Weile, bis Ambrosius den Plan ihren Mitstreitern erklärte. Er zeigte ihnen noch, wie sie ihre Gegner auch unblutig in die Flucht schlagen könnten und sie einigten sich darauf, dass es so wenig Verletzte und Tote wie möglich geben sollte. Auf seinem Heimweg in das Versteck seiner Männer grübelte er über deren Reaktion. Er machte sie alle zu Verrätern an ihrem König, doch er wusste auch, dass sie mit ihrem jetzigen Leben als Krieger nicht zufrieden waren und er hoffte auf ihre Rückendeckung. Ohne seine Männer war er nicht einmal halb so stark. Aber seine Zweifel waren umsonst gewesen. Vor versammelter Mannschaft erklärte er ihnen seinen neuen Plan. Immer noch gingen sie davon aus, dass sie im Namen des Königs agierten und kämpften und nahmen an, dass er einen Hinterhalt plante. Doch Ambrosius holte sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie wollten einfach nicht verstehen, um was es in der nächsten Schlacht ging. Doch Ambrosius blieb hart und bestand auf seinen Plan. Seine Männer wurden nachdenklich und wunderten sich darüber, wie sehr sich ihr Anführer für seine neue Aufgabe einsetzte. Ambrosius war wie ausgewechselt. So euphorisch wie er war, hatten sie ihn noch nie erlebt. Und einbisschen steckte er sie damit an. Eine Weile sagte keiner etwas, dann stellten sie Fragen. Und sie stellten viele Frage. Und Ambrosius merkte, wie auch sie sich Gedanken über ihre Zeit als Krieger gemacht hatten. Und sie hatten mit den gleichen Gedanken neben ihm gelebt, ohne einmal darüber zu sprechen. Auf einmal wurde aus den barbarischen Kriegern eine Gruppe von Männern, die nichts anderes taten, als ihre Rechte als Menschen einzufordern, ihre Freiheit zu genießen und das zu tun, was sie für richtig hielten. Nachdem sie die ganze Nacht geredet hatten, waren sie sich einig. Sie würden ihrem Anführer in die ungewisse Zukunft folgen. Mehr als der Tod würde es sie nicht kosten, aber das Risiko wollten sie eingehen. Sie wollten eine Veränderung in ihrem Leben und sie wollten wieder ein Leben führen, das man auch als Leben auch bezeichnen konnte. Sie besprachen den Kriegsplan ausführlich und ihnen wurde immer mehr bewusst, was sie da vorhatten. Sie würden Verrat an ihrem König begehen, an ihrem Land und all dem, für was sie bisher eingestanden waren. Doch sie waren sich sicher. Der richtige Weg könnte sie ins Verderben stürzen und trotzdem würden sie den Fußstapfen ihres Anführers folgen. Vor diesem Kampf hatten sie große Ehrfurcht, denn es stand viel auf dem Spiel. Sie schliffen noch einmal ihre Schwerter und polierten die Eisenteile an ihrer Schutzkleidung. Am darauf folgenden Abend zogen sie dann endlich los. Keiner sagte mehr etwas und ihre Blicke gingen in den Himmel. Ihre Rüstungen und Schwerter klapperten, außer ihnen hörte man nur noch die Grillen zirpen. Als sie in der Stadt angekommen waren, versammelten sie sich an einem geheimen Ort hinter den großen Toren. Unglaublich viele Menschen hatten sich hier versammelt, doch es war ganz still. Mit Spannung erwarteten sie die Ankunft der Kriegertruppe. Der Schweiß auf ihrer Stirn perlte herab, ihre Lederkleidung roch streng und ihre gesamte Ausrüstung, die sie am Körper trugen, trotzte nur so vor Rohheit. Ambrosius und Zurahme verteilten noch ein paar Befehle, bevor sie in Stellung gingen und darauf warteten, das zu tun, wofür sie bereit waren, ihr Leben zu geben. Ein leichtes Lächeln tauchte in Ambrosius’ Gesicht auf. Er nahm ihre große zarte Hand und zerrte sie hinter sich her. Als sie durch die Stadttore gerannt waren und der Schlacht ins Auge sahen, blieb er plötzlich stehen. Er erhob sein Schwert und seine Muskeln traten hervor. Die Adern an seiner Schläfe pochten das Blut in sein Gehirn. Auch seine Männer und Zurahmes Streitmacht der Freiheit verlangsamten ihre Schritte und blieben stehen. Sie blickten in die aufgehende Sonne. Ambrosius’ Schwertspitze glitzerte.
„Das ist es, was wir werden wollten, als wir in den Krieg hinauszogen. Freie Menschen, mit einem eigenen Willen. Krieger, die für Gerechtigkeit kämpfen." Er lachte laut und seine Brust bebte. Voller Eifer schwang er sein Schwert, glücklich seine Männer hinter seinem Rücken zu wissen und eine Frau an seiner Seite zu haben, die ihm den richtigen Weg gezeigt hatte.

 
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