Auf gute Nachbarschaft - Catley Di Anshare

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Auf gute Nachbarschaft


von Catley Di Ansharé


Am Abend, Frau W. hatte alle Sachen aus dem Umzugswagen im Haus
verstaut, kam Frau S. mit ihrem Mann vorbei. Sie steckten neugierig
ihre Köpfe zusammen und schauten gemeinsam durch die offene
Eingangstür. Frau W. bekam einen Schreck, als sie um die Ecke bog und
die zwei Fremden, die inzwischen im Eingangsbereich standen, sah.
„Huch", sagte sie laut.
„Guten Abend", sagte Frau S. überfreundlich.
„Wir sind die Nachbarn von gegenüber!" Frau W. stutzte- stellten sich nicht
normalerweise die neuen Nachbarn zuerst vor?
„Guten Abend", entgegnete sie ihnen schließlich auch. „Wir sind heute
neu eingezogen".
"Wir wussten schon, dass Sie kommen würden, wir haben Sie letzte Woche
schon gesehen".
„Achso!" sagte Frau W. überrascht. Letzte Woche hatte sie niemanden
bemerkt, als das letzte Gespräch mit dem Bauleiter stattgefunden hatte.
Natürlich wurde auch festgelegt, wann man denn einziehen könne. Frau S.
hatte gute Ohren, dachte Frau W.

Die Einweihungsfeier war schnell organisiert, Karten mussten nicht
verschickt werden, da die stille Post anscheinend auch ganz gut ohne
funktionierte und sich jeder selber einlud. Frau W. öffnete sogar ihre
Terrasse, um alle Gäste unterbringen zu können.
Als alle spät am Abend gegangen war, jeder Teller blitzeblank war, als
hätte nie etwas darauf gelegen, ließ sich Frau W. in den Sessel fallen.
Sichtlich enttäuscht äugte sie in die etlichen Schüsseln, die sich vor
ihr stapelten. Ihr Magen knurrte laut in die wohlverdiente Stille hinein. Man
kann nicht jeden Geschmack bei einem einfachen Nudelsalat treffen, sagte Herr
W., während er mit dem Abwasch begann und zufrieden  vor  sich hin pfiff.
„Wäre auch zu schön gewesen, wenn wenigstens einer meiner
Geschmacksnerven ein Freudenfest hätte erleben dürfen", sagte sie mit
enttäuschter Stimme. Am nächsten Morgen konnte Frau W. endlich entspannen,
denn es war Wochenende. Sie schaute auf ihren Wecker, acht Uhr. Ihr Mann
schlief auch noch tief und fest, bis beide aufschreckten. Eine elektrische
Heckenschere surrte durch die Gegend. Frau W. drehte sich um und hielt
sich das Kopfkissen über ihre Ohren. Aber das half nichts. Weitgehend
genervt stiegen beide aus dem Bett und gingen ins Bad. Am Mittag legte
sich Frau W. zum ersten Mal auf ihre Terrasse, sie wollte ihre neue
Liege ausprobieren. Als sie sich hingelegt hatte und die bequemste
Liegeposition gefunden hatte, machte es wieder Geräusche im
Nachbargarten. Herr F. war auf seine Leiter gestiegen und schnitt die
Äste des großen Busches ab, der am Zaun wuchs. Als er schließlich den
Busch auf eine Minimalgröße gekürzt hatte sagte er lustig
„Kuckuck!" durch das Loch, das nun entstanden war. Frau W. schob ihre
Sonnenbrille herunter und sagte ebenfalls „Kuckuck", allerdings nicht so
begeistert, wie Herr F. Die Lücke in der Hecke war immens, vorbei war es nun
wohl mit dem wohlverdienten Sichtschutz. Frau W. seufzte. So hatte sie sich das
nicht vorgestellt. Herr F. stellte zu guter Letzt noch den lauten Rasenmäher an,
da klappte Frau W. ihr Buch zu und ging wieder in das Haus. Am nächsten Tag
klapperten Autotüren in der Frühe. Genervt stand Frau W. wieder auf, auch ihr
Mann hatte es aus dem Schlaf gerissen und er schaute sich verschlafen um.
„Ich war der Meinung, dass man in einem Haus seine Ruhe hat", sagte sie
schließlich etwas traurig.
„Dann hast du aber die Nachbarn vergessen!" prustete Frau W’s Freundin in den
Hörer, als Frau W. ihr von den letzten Tagen erzählt hatte. Sie hatten sich immer
viel zu erzählen, doch heute war es anders, denn das Gespräch blieb einseitig.
Und wer war schuld? Wieder die Nachbarn. Ihre Freundin gab ihr den Tipp,
alles nicht so ernst zu sehen, doch Frau W. zweifelte daran, überhaupt nur eine
Kleinigkeit ignorieren zu können.

Die morgendliche Unterhaltung auf der Straße war wohl so etwas wie Alltag,  
dachte sich Frau W. und schaute zum Fenster hinaus. Frau S. passte jeden
Morgen Herrn und Frau J. ab, als sie zu ihrem Auto gingen, um gemeinsam zur
Arbeit zu fahren. Wer hatte sich denn jeden Tag etwas zu erzählen? Frau W.
schüttelte mit dem Kopf. Doch Frau S. und Frau J. waren mehr als nur
Nachbarinnen. Sie besuchten sich wöchentlich. Frau W. zog eine Schnute,
als sie bemerkte, dass Frau S. sie einfach übersprungen hatte. Die direkte
Nachbarin war nämlich sie, nicht Frau J. Aber irgendwann freute sie sich auch
darüber, denn diese zwei Damen trafen sich sogar im Parkhaus, um direkt neben
ihren geparkten Auto ein Schwätzchen zu halten. Und diese Stimmen erst!
Als Frau W. eines Nachmittags den Weg fegte, lugte Frau S. auch schon wieder
aus dem Fenster. Irgendwie schien es, dass sie rund um die Uhr zuhause war
oder ihren Hund zehn Mal am Tag Gassi führte. Frau S. war das tägliche Bild
der B.Straße. Ohne sie gäbe es keine stille Post mehr und ohne sie würden auch
die täglichen Straßengeräusche, die Sägengeräusche im Garten und vor dem
Haus verstummen.

In diesem Jahr sprangen die Temperaturen im Dreieck und ganz unverhofft
kündigte sich der erste magere Schnee Ende September an. Eine Schneeschippe
hatten sie sich schon zugelegt, doch das sie so schnell gebraucht werden würde,
vermutete keiner. Da es wieder einmal Wochenende war, war es auch wieder
einmal Zeit früh aufzustehen, denn anders war es nicht mehr möglich. Plötzlich
krachte und kratzte es vor ihrer Haustüre. Frau W. schaute aus dem Fenster und
fühlte sich dabei ertappt, schon wie Frau S. zu handeln. Doch sie war neugierig
und nur so konnte sie ihre Neugierde stillen. Doch sie erkannte nicht viel. Ein
Mann schaufelte den Weg vor ihrer Tür frei. Jetzt schon? Frau W’s Blick ging
zu der Uhr, die an der Wand hing: sieben Uhr und zehn Minuten. Ihre
Augenbrauen machten einen Satz nach oben! Dann winkte sie ihren Mann ins
Bett zurück. Jemand war ihm beim Schneeschaufeln zuvor gekommen. Frau W.
dachte an den Rat ihrer Freundin und atmete tief durch. Natürlich war es
Herr S., der so freundlich war und ihnen die schlimme Arbeit abgenommen
hatte. Natürlich musste Frau W. dann auch wieder zu ihm hinüber gehen, um
sich zu bedanken und sie wusste genau, wer sie dort erwarten würde. Frau S.
hatte sicher schon ganz zufällig einen Kuchen gebacken und einen Kaffee
gebrüht, wenn sie klingeln würde.

„Auf gute Nachbarschaft!" trällerte Frau S. ihr hinterher, nachdem sie sich zwei
Stunden mit ihr unterhalten hatte- natürlich bei ganz zufällig gebackenem
Kuchen und Kaffee.
Wieder zuhause angekommen, schlug Frau W. die Zeitung auf und blätterte zu
dem Immobilienteil weiter, der im inneren der Zeitung lag.

 
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