Ruhe vor dem Sturm - Catley Di Anshare

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Ruhe vor dem Sturm

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ruhe vor dem sturm



Gustavo machte es sich in seinem hölzernen Schaukelstuhl bequem. Der
knarrte ganz ordentlich unter seinem Gewicht. Er knabberte dabei an
einem knusprigen Hähnchen herum, das mehr Zeitvertreib als Genuss war,
denn Gustavo war ein Vampir. Er ernährte sich nur von Blut. Plötzlich
pochte es heftig gegen die Tür. Das konnte nur Frédéric sein, der von
Frankreich zu ihnen hinübergesiedelt war. Frédéric war der schlauste in
ihrem Clan und Gustavo war froh, dass er ihn nicht, wie unzählige
seiner Clanmitglieder, in den Kämpfen um die Stadt verloren hatte.
Gustavo bat ihn herein und an seinem Gesichtsausdruck bemerkte er
schon, was ihm zu schaffen machte: die Langeweile.
 
Er lachte ihn aus und Frédéric schaute ihm minutenlang dabei zu. Was er denn
für ein Problem mit dem Frieden in der Stadt habe, wollte Gustavo von ihm
wissen. Frédéric schabte mit seinen Stiefeln auf dem Dielenboden herum
und wusste keine rechte Antwort darauf. Er brauche etwas zu tun, meinte
er schließlich. Gustavo überlegte eine Weile und stellte ihn als Wachposten
auf. Man wisse ja nie, ob man dem Frieden trauen könne, meinte Frédéric
und stampfte davon. Gustavo war glücklich und schmunzelte vor sich hin.
Dabei betrachtete er seine unzähligen Narben, die er in den Revolutionskämpfen
um die neue Macht davon getragen hatte. Er rieb sich das Handgelenk und dachte
an seine Freunde, die die Kämpfe nicht überlebt hatten. Sie würden ihm in
seinem ewigen Leben fehlen. Er hatte es nicht bemerkt, dass er dabei von
Win-Sin, der Vampirdame des Hauses, beobachtet wurde. Ihre untergeordnete Stelle
im Clan hatte ihr noch nie gefallen, doch so funktionierte die Hierarchie der Vampire nun einmal.

Gustavo schaute auf und bat sie herein. Er wusste von ihrem Problem und
bat ihr eine Möglichkeit an, in der Hierarchie aufzusteigen, in dem sie
sich weiterbilden solle. Sie hatte Talent im Schwertkampf und war
unheimlich schnell. Das war einer der Gründe, warum sie im Kampf nicht
untergegangen war. Gustavo strich über die Klinge seines Schwertes-
nach so vielen Jahren war es noch immer so verdammt scharf. Win-Sin
verbeugte sich und nahm das Schwert entgegen. Sie würde hart damit
trainieren, aber das wusste Gustavo längst, denn in seinem Clan gab es
fast nur kluge Vampire. Wäre da nicht Derrick, sein Sorgenkind. Der
junge Vampir sah höllisch gut aus, hatte aber nur Flausen im Kopf. Er
ging gerne auf Konfrontationskurs und man fand ihn hin und wieder in
der Szene einer Prügelei. Gustavo schüttelte mit dem Kopf. Eines Tages
würde er eine solch gewaltige Abreibung von ihm bekommen, sodass sich
Derrick sein ganzes Leben daran erinnern würde.

Am Abend berichtete Frédéric, dass es wieder Tumulte an den Grenzen gab
und war schon ganz aufgeregt, mit Gustavo die Lage vor Ort zu
überprüfen. Der hatte nämlich große Bedenken vor einem erneuten
Zusammentreffen seines Clans und dem Feuer Clan. Der war ihnen
zumindest zahlenmäßig noch weit überlegen und stellte für sie eine
große Gefahr dar.

Am Ort des Geschehens fanden die beiden eine mittelschwere Katastrophe
vor. Derrick stand aufgebracht vor einem Haufen verstreuter Asche. Ob
dass die Asche des Feuer Clans war, wollte Frédéric schnell wissen. Derrick
schüttelte mit dem Kopf und schaute Gustavo schuldbewusst an. Gustavo
verstand erst nicht, doch dann verschlug es ihm die Sprache. Frédéric
wollte aufgeklärt werden, da zeigte Derrick auf seinen Arm. Das Mal
roch noch ein wenig nach verbrannter Haut. Gustavo wollte ihm am
liebsten gleich hier die Leviten lesen, doch die Lage war zu ernst, um
noch eine Minute an Zeit zu verlieren. Der oberste Clan, der Red River Clan,
war da gewesen. Das bedeutete nichts Gutes, denn wo sie auftauchten,
sah ein Vampir die Nacht nicht wieder. Das Mal verpflichtete Derrick ihnen ein
Diener zu werden und würde von Zeit zu Zeit seinen Verstand beeinflussen. Das
schlimmste, was einem Vampir passieren konnte, war nicht mehr Herr der
Dinge zu sein und sich wie nach Alkoholgenuss zu fühlen, der die Sinne
Benebelte und zur Marionette machte.

Gustavo eilte mit ihnen ins Versteck zurück, um den anderen die Sache
mit dem Mal zu erklären. Derrick war nun eine tickende Zeitbombe und
damit war der vorherrschende Frieden zur Vergangenheit geworden.
Frédéric rieb sich die Hände und Win-Sin wetzte das Schwert, damit es
sogar Luft zerschneiden konnte. Gustavo seufzte, denn sein
Schaukelstuhl mochte er lieber als jede Front einer Schlacht. Doch
alles half nichts, er als Anführer des Clans musste den Tatsachen ins
Gesicht blicken und Derrick von dem scheußlichen Mal befreien, damit er
sich wieder ungestört seiner Schönheit widmen konnte.

 
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