wenn Frau Holle Ueberstunden - Catley Di Anshare

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wenn Frau Holle Ueberstunden

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Wenn Frau Holle Überstunden macht


von Catley Di Ansharé



Manchmal freut man sich darüber, wenn der kalte, ungemütliche Winter vor der Türe steht.
Der Übergang ist ja meist auch ganz nett, wenn die bunten Blätter umherfegen und der ganze
Wald entlang der Autobahn sich in rot und gelb färbt. Endlich mal wieder den Drachen
steigen lassen und die lustige Zipfelmütze aus dem Schrank holen. Und irgendwann
fallen dann auch die ersten Schneeflocken und die Rutschpartie auf der Eingangstreppe ist
einem sicher. Doch wie gerne höre ich auch mal wieder den Schnee unter meinen Stiefeln
knatschen und wie lustig meine Hunde gucken, wenn ich ihnen Schnee entgegen puste. Am
Abend wird es dann erst richtig gemütlich, wenn das Feuerholz im Kamin knackt und
wenn Kerzen angezündet werden. Schnell noch eine warme Decke aus der Kiste geholt und
ab geht's zur ultimativen Kuschelrunde- ob allein, zu zweit oder mit Hunden, die nur aus
Hunger nach Aufmerksamkeit mit einem unter eine Decke schlüpfen.

Alles ganz nett und gut für die Seele, wenn da nicht die Zeit wäre. Die unglaublich lange Zeit,
bis sich die Sonne wieder bei uns blicken lässt. Matschige Straßen, Stau und unglaublich
lange Ausfälle der Bahnen werden einem bald zu viel. Anstatt meiner Salzränder an den
Schuhen, würde ich lieber wieder auf den Zuckerrand meines Caipi Glases schauen und die
kleinen Cocosstücke in meinem Mund spüren, die es in jede Zahnritze schaffen. Gut gelaunte
Menschen wären auch mal wieder nicht schlecht, genauso wie gut riechende Blumen oder
zwitschernde Vögel. Im Winter fallen mir immer nur die Krähen auf, die mich lachend
mit ihrem Krächzen aus dem Schlaf reißen. Aber das ist auch ganz gut so, denn im Winter
muss man sowieso früher aufstehen, um die allgemeine Müdigkeit morgens abzuschütteln.
Wäre da nicht noch das herrliche Eiskratzen auf der Autoscheibe, sowie das Schneeschippen
vor dem Haus. Im Auto braucht die Heizung dann auch erstmal ihre Anlaufzeit und meine
Hände sind tiefrot. Irgendwann vergesse ich dann auch, dass sich Finger an meiner Hand
befinden, bis sich das Gebläse im Auto endlich dazu entscheidet, mir wohlige Wärme zu
verschaffen. Langsam reicht es dann aber auch.

Frau Holle hat wahrlich gute Arbeit geleistet und hoffentlich bald wird sie wieder in ihre
Sommerpause zurückkehren. Sommerpause denke ich, aber was ist mit dem Frühling? In 5
Tagen ist Frühlingsanfang, doch davon habe ich noch nichts gemerkt. Im Wetterbericht ist die
Rede von bis zu minus fünf Grad Celsius in der Nacht. Mit gesenktem Kopf sammle
ich alle Frühlingsknollen und Krokusse wieder ein, die ich in der Hoffnung auf besseres
Wetter auf die Terrasse gestellt hatte. Schmollend kreme ich mir die Hände erneut ein, die
von der Heizungsluft ganz trocken geworden sind. Doch dann ein Lichtblick: die Tage
werden freundlicher, der Wetterfrosch klettert mit den Temperaturen um die
Wette. Ich krame schon nach einer Frühlingsjacke, meinen braunen Wintermantel kann ich
nicht mehr sehen. In der Orangerie halten sie schon alle auf Bänken und Liegestühlen ihre
Gesichter in die Sonne, die noch relativ niedrig steht. Ein herrliches Gefühl auf der Haut ist
das!
Ist Frau Holle Raucherin? Denn nach kurzer Zeit war die Freude vorbei. Nach diesen
sommerlichen Temperaturen hatte ich schon ein Picknick mit Freunden für heute geplant,
aber eine dicke Schneeschicht bedeckte mal wieder die Straßen und ich traute meinen Augen
nicht- der Winter war tatsächlich zurück. Ende März?! Ich schaute auf den Kalender und
seufzte, das kann doch nicht wahr sein! Wütend stapfte ich hinaus in den Schnee. Das ich
dabei meine Hausschuhe anhatte, war mir in diesem Augenblick egal. Hastig fummelte ich die
Bändchen der Ostereier an dem Strauch vor dem Haus wieder ab. Ostereier im Schnee? Wie
sah das denn aus! Als ich noch schnell an den Briefkasten ging- samstags war der
Postbote immer etwas früher dran- hielt ich meine Gehaltsabrechnung in den Händen und
ging mit einem Arm voller bunter und schneebedeckter Eier zurück ins Haus. Frau Holle, so
dachte ich seit heute, musste ihren Job wirklich lieben.

Wer macht denn sonst freiwillig Überstunden?!

 
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